Zwar ist das neue Jahr kaum zwei Wochen alt, aber 2005 hat es in sich. Wer hätte im Herbst geglaubt, die Bundesrepublik könnte die härteste Sozialreform ihrer Geschichte ohne große Pannen und ernsthaften Aufruhr einführen? Nun ist Hartz IV da, und Aufregung verursacht nur die Idee, Ein-Euro-Jobber zum Aufräumen nach Sumatra zu schicken.

Wer hätte vorhersagen wollen, dass Deutschland sein kompliziertes Mautsystem im zweiten Anlauf fast reibungslos einführen würde? Eben noch im Geruch der nationalen Schande, könnte sich die Technologie als Exportgut erweisen. Schweden ist jedenfalls schon interessiert.

Und wer hätte wissen können, dass die Deutschen sich in einer Mischung aus Erschrecken, Mitleid und Verantwortung großherzig für die Tsunami-Opfer einsetzen würden? Sie haben 350 Millionen Euro gespendet und noch mehr gegeben: Auch nach Abzug des Medienrummels bleibt eine überwältigende Bereitschaft zum gemeinsamen Engagement – wenn nur das Ziel überzeugt.

Wie im Zeitraffer zeigen die ersten Tage des Jahres, was ausländische Unternehmer seit Monaten spüren: Es geht was in Deutschland. Eine Umfrage des Handelsblatts unter mehr als tausend europäischen Führungskräften weist den Standort D als "Aufsteiger des Jahres" aus. Und hatte die französische Le Monde den Nachbarn im Jahr 2003 als sterbenskranke Ökonomie ausgemacht, schwärmte sie kürzlich: "Deutschland in Bewegung – zum Wohle Europas".

Reden ist Silber, Investieren ist Gold. Genau das tut die amerikanische Wirtschaft in der Bundesrepublik. Ihre Beteiligungsfirmen stocken das hiesige Personal auf, weil sie zwischen Rhein und Oder ein riesiges Geschäft wittern. Wenn Unternehmer aus den USA heute über Deutsche klagen, dann vorzugsweise über deren Pessimismus.

Zur eigenen Verblüffung erfahren die Deutschen: Ihre Unternehmen stehen beim World Economic Forum weltweit auf Rang drei, weil sie ein fulminantes Fitnessprogramm absolvieren. Das Ringen um Kosten und Jobs, das bei Mercedes oder Karstadt vor aller Augen geschah, hat tausendfach stattgefunden. Die Ergebnisse fließen in einer Zahl zusammen, die erklärt, warum Deutschland höchstwahrscheinlich Exportweltmeister bleibt: Die Lohnkosten sind, gemessen an der wirtschaftlichen Leistungskraft im Jahr 2004, um mehr als ein Prozent gefallen.

Kleine Maschinenbauer und Weltkonzerne nehmen den globalen Wettbewerb auf. Siemens meldete im vergangenen Jahr mehr Patente an als der Erzfeind General Electric – in dessen Heimatland USA wohlgemerkt. Zu Hause hat die deutsche Industrie ihre Investitionen indes gestreckt und geschoben. Nun berichtet die große Mehrheit der Wirtschaftsverbände, dass ihre Mitglieder in diesem Jahr mehr oder mindestens so viel wie 2004 investieren wollen. Insgesamt gehe die Industrie "mit beachtlicher Zuversicht ins Jahr 2005", verkündet der Industrie- und Handelskammertag. Und das aus deutschem Funktionärsmunde.