Die Hoffnung sprießt ewig in Nahost. Der Autor dieser Zeilen saß 1993 an einem strahlenden Septembernachmittag im Rosengarten des Weißen Hauses und applaudierte mit allen anderen, als Jitzhak Rabin und Jassir Arafat einander die Hand reichten. Worte wie "Morgenröte", "Neubeginn" flirrten über den Rasen. Doch schon am 4. Oktober legte die Hamas ihr blutiges Veto ein; ein israelischer Bus wurde zerfetzt. Seitdem ist die Zahl der Terroranschläge auf 140 angeschwollen.

Dies ist kein Plädoyer gegen die Morgenröte, sondern für eine leicht rosa gefärbte Skepsis. Machmud Abbas ("Abu Masen") hat zwar im Wahlkampf Durchhalteparolen verbreitet, als hieße er "Machmud Arafat" – etwa: "Wir werden sie (die Israelis) rausschmeißen", und: "Bald wird all dieses Land wieder unser sein." Aber das war nur ein Teil der Rhetorik. Der andere klang so: "Wir werden keine illegalen Waffen dulden; bewaffnet darf niemand außer der Fatah sein"; "Wir brauchen eine saubere Justiz." Und: "Niemand darf über dem Recht stehen."

Abbas scheint den Arafat ohne Arafatismus geben zu wollen. Schon früh hat er sich gegen die "bewaffnete Intifada" ausgesprochen, die Arafat stets in dem Wahn geschürt hatte, er könne die Israelis militärisch bezwingen. Auch hat Abbas mitten im Wahlkampf Standfestigkeit bewiesen, als er sich weigerte, die Hamas-Raketenangriffe gegen israelische Städte gutzuheißen, und dies trotz des israelischen Einmarsches. Gegen die Hamas pocht er auf das Gewaltmonopol, gegen den toten Arafat hält er den Rechtsstaat hoch.

Dieser blässliche 69-Jährige, der einst in seiner Moskauer Dissertation den Zionismus als Zwillingsbruder des Nazismus verteufelt hatte, beweist jetzt Mut. Ebenfalls auf der Plus-Seite steht ein gewaltiges Vertrauenskapital. Scharon will sich mit ihm treffen, Bush hat ihn ins Weiße Haus eingeladen, London und Kairo wollen ihm beim Umbau (sprich: bei der Zähmung) der zwölf Sicherheitsdienste helfen.

So rosig war der Horizont noch nie seit jenem kurzen Flirt vor dem Weißen Haus 1993. Warum dann die Skepsis? Weil in Nahost "Rosa" noch immer in "Blutrot" umgeschlagen ist. Weil auch ein Mann wie Abbas nicht all jene politischen Pathologien ausräumen kann, die sich unter Arafat im Protostaat ausgebreitet haben. Diagnose Nummer eins: die hundertfach bewiesene Vetomacht von Hamas und Dschihad. Nummer zwei: die institutionalisierte Willkür; das Gesetz hieß "Arafat". Nummer drei: die organisierte Kleptokratie, in der die Nähe zu Arafat das Maß der persönlichen Bereicherung bestimmte und jegliche Entwicklung erstickte, dafür aber in Gaza die Hälfte arbeitslos machte. Nummer vier: die Schulen, die tagtäglich den Hass nicht bloß gegen Israelis, sondern Juden predigen. Schließlich: der größte Polizeistaat der Welt – mit einem Polizisten auf 40 Bürger.

Was bleibt also von der "Morgenröte"? Mehr als je zuvor. Die Mehrheit der Israelis will die besetzten Gebiete loswerden. Und vielleicht sprach jene Mutter aus Nablus für die 62 Prozent Abbas-Wähler, als sie dem Wall Street Journal anvertraute: "Ich will Frieden mit den Juden. Ich will die Kinder nicht mehr sterben sehen." Scharon überdenkt den einseitigen Abzug, will ihn mit Abbas koordinieren. Bush, der Arafat zwei Jahre lang geschnitten hatte, breitet die Arme aus. Die EU steht mit Geld bereit. Abbas wird nicht verspielen wollen, was Arafat schon lange nicht mehr hatte: den Respekt der Welt, der Abbas auch daheim Achtung und Macht verschafft.