Jerusalem/Ramallah

Machmud Abbas wählte mit links. Denn am Ringfinger seiner rechten Hand prangt ein kleiner Verband. Das Unglück war im Wahlkampf passiert. Er versuchte, den Menschen aus dem offenen Fenster des gepanzerten Wagens zuzuwinken, als ein Leibwächter den Schließknopf drückte. Seither fehlt ihm eine Fingerkuppe. Das ist nur einer der Mängel des neuen Präsidenten, der oft anhand von Eigenschaften beschrieben wird, die er nicht hat. Er sei ein zurückhaltender Mann ohne Charisma, ohne große politische Erfahrung, ohne Durchsetzungsvermögen.

Auf ihm, dem ewigen Zweiten, ruhen nun die Hoffnungen der Palästinenser. Gerade weil es sich so sehr von der Person Arafat unterscheidet, ist er populär. Der 69-jährige Intellektuelle im feinen Zwirn ist kein Volkstribun, der das Bad in der Menge liebt. Er schickt auch keine "Millionen von Märtyrern" nach Jerusalem. Dafür genießt er internationales Ansehen. Schon jetzt hat er geschafft, was seinem Vorgänger verwehrt geblieben war: George W. Bush hat Abbas gleich nach seiner Wahl ins Weiße Haus eingeladen. Die Europäer wollen den Palästinensern bei ihrem zweiten Anlauf zur Demokratie tatkräftig beistehen.

Niemand macht sich Illusionen. Palästina wird sich nicht über Nacht in eine westliche Demokratie verwandeln. Doch sind die Wahlen auf jeden Fall ein Anfang. Machmud Abbas kann sich auf 62 Prozent der Stimmen berufen. Das verleiht ihm eine Legitimität, von der andere arabische Führer nur träumen können. Er teilt mit ihnen Herausforderungen, die immens sind: Viereinhalb Jahre bewaffnete Intifada haben nach Abbas Ansicht "alles zerstört, was die Palästinenser aufgebaut haben".

Wird er die notwendige Kraft aufbringen, um das eigene Haus in Ordnung zu bringen? Schafft er es, die korrupte Autonomiebehörde zu reformieren, die Sicherheitskräfte neu zu organisieren und der islamistischen Opposition klar zu machen, dass es nur mehr eine Waffengewalt geben darf? Kann er sich in künftigen Verhandlungen mit Israel auf Kompromisse einlassen, die Arafat abgelehnt hat?

Zuerst muss Abbas Reformen anpacken, um die Autonomiebehörde in den Augen der Bevölkerung zu rehabilitieren. Das Thema "Sicherheit" rangierte im Wahlkampf ganz oben. Ungeahndete Verbrechen gehören in den Palästinensergebieten zur Tagesordnung. Deshalb wird die Polizei neu geordnet. Statt zwölf verschiedene Einheiten soll es künftig nur noch drei geben. In der Vergangenheit war jede Sicherheitsreform an Arafats Weigerung gescheitert, die Kontrolle abzugeben. Um sich vor einem Putsch zu schützen, hatte er ganz gezielt verschiedene Truppen aufgebaut, die zum Teil sogar rivalisierten. Den von Arafat aufgeblähten Regierungsapparat muss Abbas entschlacken und mit kompetenterem Personal besetzen.

Die Islamisten feuern auf Israel und damit auch auf Abbas

Für diese Reformen hat Abbas Verbündete. Das Parlament hat bereits eine ganze Reihe von wichtigen Gesetzen verabschiedet, die Arafat schnell in der Schublade verschwinden ließ. Das so genannte Staatsdienstgesetz regelt zum Beispiel die Gehälter der Regierungsangestellten und Renten. Wer älter als 65 Jahre ist, muss in Pension gehen. Auf diese Weise würden viele betagte Mitglieder der "Tunis-Garde" Arafats nach Hause geschickt. Doch ihre Nachkommen wurden bereits großzügig mit Posten versorgt.