Den Gesichtsausdruck sollte er sich patentieren lassen, diese Mischung aus kindlicher Naivität und abgebrühtestem Durchblickertum, gepaart mit einer wohlkultivierten Dosis Unausgeschlafenheit. Dieses Blässliche rund um Augen und Nase. Vor allem aber den Mund, der in jeder Lebenslage offen zu stehen scheint. Er verleiht der Gesamtfigur etwas Staunendes. Als sei Baffsein der einzige Geisteszustand, in dem die Welt sich ertragen lässt, und die Lippen formten dazu einen lautlosen Kommentar: irre, abgefahren, spaced out.

Spaced out ist ein Lieblingsausdruck von Adam Green, anwendbar auf vieles. Fernsehserien, Song-Zeilen, Bücher, die er gelesen und für gut befunden hat, aber auch Comicfiguren und Personen des Zeitgeschehens – alles spaced out. Wer den Versuch unternimmt, ein Interview mit ihm zu führen, um schon bei der Begrüßung festzustellen, dass sein Händedruck die Oberflächenspannung eines welken Salatblatts aufweist, wer ihm zuhört, wie er stockend und offenbar von permanenten inneren Eingebungen durchzuckt aus Adams Welt erzählt, merkt schnell, dass es hier um mehr geht als um bloße Geschmacksurteile. Das Neben-der-Spur-Sein ist eine Art ästhetisches Gesamtprogramm.

Andere präsentieren sich als zupackende, dem Leben entgegenstrebende Charaktere, Adam Green arbeitet an der Rehabilitierung des Gegenteils. Das Zerstreute, noch im Posieren Entrückte, das offensiv Begriffsstutzige und seltsam Somnambule sind ihm nicht Makel, sondern privilegierter Zustand, in dem der Gegenstand zum Autor findet. Fishing for songs nennt er seine Produktionsweise. Es kann vorkommen, dass er tagelang auf einen Einfall warten muss, aber das macht nichts. Als passioniertem Träumer ist ihm ein freundschaftliches Verhältnis zu seinen innersten Regungen eigen, die, einmal ans Tageslicht gehoben, zu kleinen Poemen arrangiert werden. Dann reimt sich "Carolina" auf "vagina", Bilder kollidieren mit Rhythmen im großen Assoziationstheater der Fantasie, und das Staunen auf dem Gesicht wird noch eine Spur größer. Am meisten aber staunt das Publikum: Solch einen Popstar aus der Tiefe des Traumes hat es lange nicht mehr gegeben.

Gemstones (Edelsteine) heißt die neue CD, deren Lieder Ende letzten Jahres auf einer kleinen Europatournee live getestet wurden – mit überwältigender Resonanz bei den diversesten Alterskohorten. In der ersten Reihe schmachten die Independent-Mädchen und wissen nicht, wovon sie mehr begeistert sein sollen: vom Charisma des Prinzchens oder der Tatsache, dass hier einer sich ganz allein so viel versponnenes Zeug ausgedacht hat. Dahinter allerdings wippen die Hartgesottenen mit den Füßen, die, die schon alles kommen und gehen gesehen haben. Sie erkennen in der Gestalt im viel zu engen Flohmarktjackett einen Wiedergänger aus Tagen, als die Popkultur noch von singenden Visionären dominiert wurden. Dass der Suhrkamp Verlag parallel zu Gemstones einen Band mit Greens gesammelten Prosagedichten herausbringt, ist Wasser auf ihre Mühlen und Adelsprädikat. Flowers of Capitalism, Frozen Gay Turtle, 8 Pages for Allah – so titelt kein singender Analphabet. Hier spricht der Dichter.

Unverhofft kommt dieses Revival des literarischen Songwriters im Zeitalter des Formatpop, jedoch nicht völlig aus dem Nichts. Journalistische Spähtrupps hatten bereits Anfang des Jahrzehnts eine Gruppe von Stand-up-Musikern ausgemacht, die sich im Hinterzimmer einer New Yorker Kneipe traf, um unter dem Label Antifolk Selbstgebasteltes vorzutragen. Virtuosität war dabei nicht nur unnötig, sondern geradezu hinderlich, und ausgefeilte Arrangements wurden weniger honoriert als spontaner Ideendurchsatz. "Das Tolle war: Du konntest nachmittags einen Song schreiben und ihn gleich abends auf der Bühne ausprobieren", erinnert sich Green, der damals gern im Robin-Hood-Kostüm auftrat und einer Gruppe namens Moldy Peaches angehörte. "Zu der Zeit wurde mir erst so richtig klar, was alles in einem Lied Platz hat."

Antifolk, das war der Aufstand des Albernen gegen das musikalische Establishment, eine Experimentierwerkstatt im Kleinen, die von der Intimität des Ortes und der Verschworenheit der Gemeinde lebte. Im Schutz der Gruppe wagten sich Reime hervor, die unter anderen Umständen in Tagebüchern verschwunden oder als Klosettsprüche geendet wären. Postpubertät traf auf Postmoderne, und wer darin eine künstlerische Strategie in Dada-Tradition sehen möchte, greift hoch, aber nicht daneben. Doch wie es so ist mit Bewegungen, die das Spontane zur Programmatik erhoben haben: Irgendwann wurde das Spiel langweilig. Green begab sich auf Wanderschaft, probte seine Stückchen vor größerem Publikum. Das Resultat: Friends of Mine, sein geigenumschmeicheltes Gesellenstück im Songwriter-Gewerbe.

Inzwischen, mit 23 Jahren, scheint er sich mit seiner Rolle als Fackelträger der Liedkultur arrangiert zu haben. Dylan, Cohen, Gainsbourg, Hazelwood, Brel – ohne mit der Wimper zu zucken nimmt der gereifte A. es hin, wenn die Namen der Großmeister der Zunft fallen: schon richtig, alles Einflüsse, die ihn geprägt haben. Auch Felice Bauer, die berühmte Urgroßmutter – der Rolling Stone brachte eine Enthüllungsstory –, macht sich nicht schlecht im Stammbaum. Manchmal liest er ein wenig in ihren Briefen an Kafka: "It’s nice to feel that you come from somewhere." Nichts Nachteiliges mag Adam im Nachhinein über seine Gehversuche in Sachen Antifolk sagen, noch immer sind Loyalitäten im Spiel, aber es sei eben doch eine sehr limitierte Szene gewesen. Was ihn heute interessiert, ist nicht nicht mehr das "Anti", sondern der Folk selber: die Klänge aus den Katakomben Amerikas, mit denen sich jedes Gefühl ausdrücken lässt.

Tatsächlich ist, Ausflügen ins Chansoneske zum Trotz, Folkmusik das markanteste Stilmittel auf Greens musikalischer Traumbühne. Ob er von der Liebe zu einem Mädchen aus dem Bibelkreis singt, das Personal der Songs in surreale Szenerien verwickelt oder eine seiner kleinen obszönen Pointen setzt – stets ist das Bedürfnis zu spüren, die Diktion unterkühlt zu halten. Das Unexpressive, Wortlastige des Folk gibt den Ton an, und die Begleitung, diesmal mit einem Wurlitzer-Piano anstelle der Streicherarrangements, spielt sich nie zu Ungunsten der lyrics in den Vordergrund. Leicht sollen die Stücke klingen, als seien sie ihm gerade erst auf einem längeren Gedankentrip in den Sinn gekommen, obendrein gut gedichtet. Und es funktioniert. Über den erstaunlich kompakten Zeitraum von 30 Minuten geben Adam Greens Gemstones dem schon ausgemusterten Modell des fahrenden Sängers eine nicht mehr für möglich gehaltene Glaubwürdigkeit. Singen kann er außerdem.