Mehr als drei Jahre lang ließ Argentinien seine privaten Gläubiger warten. Nun soll der größte Zahlungsausfall in der Geschichte ein Ende mit Schrecken finden: Vom 14. Januar an können Anleger ihre Argentinien-Anleihen in neue Papiere umtauschen. Die sollen dann wieder einen sicheren Wert haben – aber der wird um 70 Prozent niedriger liegen als bei den ursprünglichen Schuldscheinen.

"Verwandeln Sie ihre Anleihen in Realität. Nehmen Sie an der einzigen Chance zum Umtausch ihrer Anleihen teil." Mit diesem Angebot wirbt die Regierung seit vergangenem Sonntag für die Umschuldung. Zwei verschiedene Teams des Wirtschaftsministeriums sind bereits unterwegs auf einer Road-Show, einer Werbetour durch 14 Städte in den Vereinigten Staaten und in Europa, darunter auch Frankfurt am Main und München. Sie werden viel Überzeugungskraft aufbringen müssen. Denn die argentinische Offerte impliziert den größten Forderungsverzicht für private Gläubiger in der Finanzgeschichte.

Am 31. Dezember 2001 hatte der damalige Präsident Adolfo Rodriguez Saá unter dem tosenden Beifall des argentinischen Abgeordnetenhauses die Zahlungsunfähigkeit seines Landes erklärt. International ausgegebene Anleihen im Wert von knapp 82 Milliarden Dollar wurden seitdem nicht bedient. Nun will Argentinien im Tausch gegen diese alten Bonds neue Anleihen im Wert von nur etwa 40 Milliarden Dollar emittieren, die obendrein noch niedriger verzinst sind und längere Laufzeiten von bis zu 42 Jahren aufweisen. Seit Ende 2001 aufgelaufene Zinsen in Höhe von gut 20 Milliarden Dollar werden gar nicht erst berücksichtigt. Rechnet man alle diese Faktoren sowie das aktuell sehr niedrige internationale Zinsniveau mit ein, so beträgt der Wertverlust für Argentiniens Gläubiger knapp 70 Prozent.

Dabei hätte Argentinien genügend finanziellen Spielraum, um einen größeren Teil seiner Schulden zurückzuzahlen. Nach einem Einbruch von elf Prozent im Jahr 2002 wuchs die argentinische Wirtschaft 2003 um neun Prozent und im vergangenen Jahr um acht Prozent. Der Staat erwirtschaftete einen Haushaltsüberschuss von etwa fünf Prozent des Bruttosozialprodukts. Die Devisenreserven der Zentralbank stiegen auf 19 Milliarden Dollar.

Doch die argentinische Regierung will das überschüssige Geld nicht für eine Verbesserung ihres Umschuldungsangebots an die privaten Gläubiger einsetzen. "Es wird kein anderes Schuldenangebot geben", versichert Wirtschaftsminister Roberto Lavagna ein ums andere Mal. Präsident Néstor Kirchner denkt stattdessen laut darüber nach, den Internationalen Währungsfonds (IWF) auszuzahlen, um sich so der lästigen IWF-Kreditprogramme mit den entsprechenden wirtschaftspolitischen Auflagen zu entledigen. Um die IWF-Schulden zurückzuzahlen, müsste das Land in den nächsten fünf Jahren pro Jahr etwa drei Milliarden Dollar zusätzlich berappen. Das Nachsehen hätten die privaten Gläubiger, die nicht nur weniger Geld zurückbekämen, sondern zudem ohne die Kontrolle des Internationalen Währungsfonds noch stärker der Willkür der argentinischen Regierung ausgeliefert wären. Zu den Bedingungen des IWF-Kreditprogramms gehörten faire Verhandlungen mit den privaten Gläubigern.

Den betroffenen Investoren – jeweils etwa zur Hälfte sind es Kleinanleger sowie große Banken und Investmentfonds – bleiben wenig Möglichkeiten: Zwar könnten sie vor Gericht einen Pfändungstitel erwirken. Aber der bliebe wohl weitgehend folgenlos. Zahlreiche Experten gehen davon aus, dass die argentinische Regierung Mittel und Wege fände, um etwa staatlichen Besitz im Ausland vor Pfändungen zu schützen.

"Jeder spielt sein eigenes Spiel, und keiner gibt Informationen weiter"

Gläubigerzusammenschlüsse wie das Global Committee of Argentina Bondholders (GCAB) raten ihren Mitgliedern dennoch, das Umschuldungsangebot abzulehnen. Sie spekulieren darauf, dass Argentinien dann sein Angebot verbessern muss. Denn nur wenn eine große Mehrheit der Anleger zustimmt, gilt die Zahlungsunfähigkeit als überwunden. Erst dann kann Argentinien darauf hoffen, wieder Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten zu bekommen. Ein solches koordiniertes Vorgehen sämtlicher Gläubiger ist allerdings äußerst unwahrscheinlich, denn dafür sind ihre Interessen zu unterschiedlich. "Etwa die Hälfte der Bond-Halter sind Argentinier, das schafft eine wichtige Basisbeteiligung", sagt der Argentinier Claudio Loser, der bis 2002 Direktor für die westliche Hemisphäre beim Internationalen Währungsfonds war. Auch die Banken und Großinvestoren würden auf das Umschuldungsangebot eingehen, um ihre Portfolios zu säubern, vermutet Loser: "Jeder spielt sein eigenes Spiel, und keiner gibt Informationen weiter."