arabische weltIm Laboratorium der arabischen Demokratie

In Bahrain ist möglich, was in Iran, Syrien oder Saudi-Arabien noch undenkbar ist: Freie Wahlen und freie Rede von 

Manama

In der arabischen Welt sind Grenzen noch Grenzen. Sie zu überwinden kann Freiheit bedeuten. Siham lässt sich über eine lange Brücke im Persischen Golf von Saudi-Arabien nach Bahrain fahren. Die geöffnete Schranke ändert ihr Leben. "In Bahrain darf ich tun, was ich will", sagt die saudische Frau. Auto fahren zum Beispiel, was Frauen in ihrer Heimat streng verboten ist. "Ich rede, mit wem es mir gefällt, auch mit Männern, die nicht meine Verwandten sind." Nicht als Frau, sondern einfach "als Mensch".

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Siham lebt mit ihrer Tochter in der Hauptstadt Manama. Ihren Mann und ihren Sohn in Saudi-Arabien besucht sie regelmäßig, doch ihr Zuhause ist Bahrain. Sie arbeitet an einem englischsprachigen College, nicht in der schwarzen Abaja, dem islamischen Ganzkörpergewand, sondern in Blazer und Hose. Fünfzig Prozent der Studentinnen an der Universität stammen aus Saudi-Arabien und erzählen, wenn sie in die Heimat zurückkehren, von Bahrain – mit nachhaltiger Wirkung, wie Siham glaubt: "Es werden noch mehr kommen."

Der kleine, ölarme Inselstaat im Golf liegt zwischen den autoritären Ölgroßmächten Saudi-Arabien und Iran. Die Mehrheit der 700000 Bahrainer sind Schiiten – wie im Iran. Die Sunniten sind in der Minderheit, stellen dafür aber das Herrscherhaus – wie in Saudi-Arabien.

Der König brach im Jahre 2001 mit der autoritären Tradition und bescherte dem Land demokratische Institutionen. In einem Referendum stimmte sein Volk dafür. Nun hat Bahrain ein frei gewähltes Parlament, freie Medien, eine friedliche, stabile Gesellschaft – und kommt ganz ohne Geheimpolizei aus: eine aufgeklärte parlamentarische Monarchie. Die Iraker, die am 30. Januar wählen, scheinen in einem anderen Zeitalter zu leben. Ebenso die Saudis, die im Februar erstmals Lokalwahlen abhalten, und die Ägypter, die 2005 ihren dann 23 Jahre lang herrschenden Präsidenten wiederwählen dürfen. Bahrain hat diese Länder hinter sich gelassen und sich zum Laboratorium der arabischen Demokratie entwickelt. Seine politischen Experimente zeigen, wie Araber ihr Leben und ihr Land gestalten, wenn sie die Freiheit dazu haben.

Versuch 1: Das Parlament. Zwischen den hochgereckten Glitzertürmen der Banken von Manama duckt sich das Parlamentsgebäude weg, schlicht, weiß und flach. Manche Bahrainer finden, das passe so recht zum Unterhaus, denn seine 40 gewählten Abgeordneten genießen nicht mehr Rechte als die 40 vom König ernannten Mitglieder des Oberhauses, des Schura-Rats. Mehrere Parteien haben die Wahlen 2002 deshalb boykottiert.

Die Zwölfzylinderlimousinen auf dem Parlamentsparkplatz deuten jedoch an, dass der Staat seinen Parlamentariern erhebliches Gewicht zumisst. Das tun auch alle, die im Gebäude sitzen. Adel al-Maauda, Chef der einflussreichen islamistischen Asaleh-Fraktion, hat seinen Schreibtisch mit einem S-Klasse-Mercedes in Miniatur verziert. Das Parlament findet er vorzüglich, den Wahlboykott 2002 versteht er nicht. "Niemand kann eine perfekte Demokratie über Nacht einführen", sagt er. "Der König will eine Kontrolle über den Wandel behalten."

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