Das Paradoxe an diesem Konflikt liegt in seiner unmittelbaren Wirkung: Der Führer der baskischen Nationalpartei und Regierungschef des Baskenlandes, Juan José Ibarretxe, hat die spanischen Innenpolitik völlig durcheinander gewirbelt. Er warf erfolgreich alle Zeitpläne über den Haufen und machte sich selbst zum Fokuspunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Da er im Mai im Baskenland Wahlen hat, wird ihm das durchaus Recht sein.Doch zugleich hat der "Lehendakari", – so das baskische Wort für den Präsidenten dieser Provinz – seiner Sache vermutlich einen Bärendienst erwiesen. Im eigenen (Basken-)Land ist der nach ihm benannte unverhohlen separatistische "Plan Ibarretxe" höchst umstritten. Das öffentliche Echo im übrigen Spanien ist vernichtend. Und die beiden etablierten spanischen Volksparteien, Sozialisten (PSOE) und Partido Popular (PP), betonen nun ihre staatstragenden Gemeinsamkeiten.Denn das ist den Hauptakteuren auf der nationalen Bühne klar: Die politische Provokation durch muss von Ibarretxe zurückgewiesen und Spaniens staatliche Einheit gewahrt werden. Dieser Aufgabe zuliebe haben die PSOE-Minderheitsregierung und die oppositionelle konservative Volkspartei ihre sonstigen Differenzen vorerst zurück- und den giftigen Dauerstreit um kleinste Details eingestellt. Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero profilierte sich als besonnener Verhandlungspolitiker und legte an Ansehen prompt zu. Und wenn nicht alles täuscht, so hat auch der umgängliche PP-Chef Mariano Rajoy, der Mann, der sich bisher nicht aus dem Schatten des ganz und gar nicht umgänglichen Ex-Ministerpräsidenten Aznar zu lösen vermocht hatte, in der Baskenkrise an Statur gewonnen. Womöglich hat er sogar eine eigene Linie auf dem schwierigen Grat zwischen der Rolle als einziger großer Opposition und der Mitverantwortung als zweiter staatstragender Volkspartei gefunden. Das ist nicht wenig. Damit wäre jedenfalls mehr erreicht, als man es vor wenigen Wochen, inmitten des parlamentarischen Getümmels um die Aufarbeitung der Märzereignisse des vergangenen Jahres (11. März: Attentat von Madrid, 14. März: Wahlsieg der Sozialisten), zu erwarten gewagt hätte.Die politische Meisterleistung des Ministerpräsidenten bestand zunächst vor allem darin, der baskischen Herausforderung in aller Ruhe zu begegnen. Nicht juristisch, wo er auf sicherem Boden gewesen wäre, nicht empört und beleidigt von oben herab, wie es der Stil seines Vorgängers Aznar war, nicht mit Verdächtigungen ob der Unterstützung Ibarretxes durch die dem Eta-Terrorismus nahe stehenden Separatisten im Regionalparlament, nicht mit der prinzipiellen Gesprächsverweigerung, die von den Aznaristen in PP und konservativen Medien unverändert gefordert werden.Im Gegenteil. Zapatero glaubt ja unverändert daran, dass Menschen mit unterschiedlichen Auffassungen im Reden und Argumentieren zusammenfinden, sofern sie nur offen und ehrlich dabei sind, dass sie zumindest ihre Konflikte entschärfen und Auswege aus Sackgassen finden können. Daher ignorierte er die kritischen Geräusche vor seinem Treffen mit Ibarretxe. Vier Stunden saßen sie beisammen, das allein ist schon bemerkenswert und Bruch eines Tabus der acht Amtsjahre Aznars. Sie sprachen über den ominösen "Plan Ibarretxe". Sie stellten klar, was nie unklar war, dass es darüber keine Verständigung geben würde. Und Ibarretxe hatte hinterher keinen Grund mehr, sich über mangelndes Gehör in Madrid zu beklagen.Danach das Treffen Zapateros mit Rajoy und ihr Übereinkommen, dass PSOE und PP gemeinsam beraten werden, wie man in der Frage der weiteren baskischen Autonomieforderungen, aber auch mit den Änderungswünschen anderer spanischer Provinzen vorgehen wolle. Ein gewaltiger Tabubruch. Über Verfassungsänderungen in Spanien auch nur zu reden war unter Aznar eine Art Sakrileg – eine Bedrohung der nationalen Einheit des Königreichs. Auf diese Haltung wollten Aznar und seine Erben, voran der ehemalige Innenminister Acebes, die Volkspartei auch in der Opposition einschwören. Doch davon hat sich Parteichef Rajoy jetzt – Ibarretxe sei dank – befreit.Klar, dass der Baske gern weiter reden möchte, am liebsten mit beiden zusammen, Zapatero und Rajoy. Am Tisch der Großen sitzen, ernst genommen werden und so vielleicht daheim das Gesicht wahren. So könnte er am Ende in der Provinzwahlen im Mai doch noch profitieren. Müsste er auch. Denn inzwischen, das weiß er, ist man mit ihm auch daheim ziemlich unzufrieden. Im Baskenland haben die Radikalen im Milieu der Eta längst verstanden, dass er den Traum vom großen Basken-Freistaat (unter Einschluss des französischen Baskenlandes und der spanischen Provinz Navarra) nur mit großen Worten vertritt, aber nicht verwirklichen wird. Und die Nicht-Basken sowie gemäßigten Basken sind über die radikalen Sprüche des Regierungschef verärgert, weil es die baskisch-totalitären Extremisten quasi von oben her legitimiert.Ibarretxe hat sich selbst in eine Sackgasse manövriert. Sehr plausibel klingt die Analyse aus Regierungskreisen in Madrid, wonach der baskische Regierungschef die Abstimmung über seinen "Plan" im Regionalparlament nur aus demonstrativen Gründen gesucht hatte, nicht aber gewinnen wollte. Er verließ sich darauf, dass er – gestützt nur durch die knappe Minderheit seiner nationalistischen Partei PNV – die Abstimmung ohnehin verlieren würde. Doch die acht radikalen Abgeordneten der seit einiger Zeit verbotenen Eta-nahen Partei Batasuna wollten den etablierten Nationalisten nicht so leicht von der Angel lassen. Kurzerhand bestimmten sie drei aus ihrer Runde, Ibarretxe bei der Abstimmung im Baskenparlament über die Hürde zu helfen. Die Überraschung war perfekt. Am meisten verblüfft war Ibarretxe selbst. Das hat er nun davon. Er weiß selber am besten: Jetzt steckt er in der Falle.