Richtig ins Schwitzen gerät Peter Heesen erst nach mehr als einer Stunde. So lange hat er die 500 Delegierten des Deutschen Beamtenbundes (DBB) mit seiner Rede gefesselt. Er hat einen staatstheoretischen Exkurs über Föderalismus und Berufsbeamtentum gehalten. Hat politische Widersacher mit beträchtlichem Witz vorgeführt. Hat sachkundig seine Vorstellungen von der künftigen Sicherung der Beamtenversorgung dargetan. Dann, ganz zum Schluss, unterläuft ihm der Lapsus, der zum Schweißausbruch führt. Statt zum Schulterschluss mit den Beamten ruft er die Politiker des Landes zum "Schulterschuss" auf. Heesen rettet sich schlagfertig: "Geschossen wird nur, wenn es anders nicht geht."

Es ist nicht nur sein Humor, der dem Rheinländer zu Hilfe kommt. Der Chef des Beamtenbundes ist gut drauf, weil es derzeit bestens läuft für ihn. Er hat viel gewagt. Vor gut einem Jahr hat der ehemalige Gymnasiallehrer für Deutsch, Philosophie und katholische Religion den Vorsitz im DBB übernommen. Seither zieht er durch, was kaum jemand erwartet hat: Er hat die im Nein gegenüber jeder Veränderung erstarrte ständische Beamtenvertretung zu einer Organisation gemacht, die beim Wort Reform nicht gleich auf Durchzug schaltet.

Bislang waren über den DBB bewährte Klischees im Umlauf. Zum Beispiel, dass jedes Jahr im Januar die Vertreter der Beamtenschaft im Kurort Bad Kissingen zusammenkommen, um vom Bundesminister des Inneren eine Ergebenheitsadresse anzunehmen. Und dass der oberste Dienstherr dann stets aufs Neue gelobt, an den im Grundgesetz festgeschriebenen "hergebrachten Grundsätzen" des Berufsbeamtentums festzuhalten.

Doch seit wenigen Jahren stimmen die Klischees nicht mehr. Innenminister Otto Schily kann sich zum Beispiel gut vorstellen, dass Lehrer und Hochschullehrer überhaupt nicht mehr verbeamtet werden. Und die Bundesländer haben sich längst darauf besonnen, dass sich an den Beamten besonders gut sparen lässt – die Besoldung ist per Gesetz und ohne die Gefahr von Streiks leicht zu drücken. Alle 16 Länder kürzten inzwischen das Weihnachtsgeld auf bis zu 40 Prozent eines Monatssolds; neun von ihnen strichen außerdem das Urlaubsgeld. Und einige setzten die wöchentliche Arbeitszeit der Staatsdiener auf 40, 41 und auch 42 Stunden herauf.

Zulagen für Alter und Familienstand werden demnächst gestrichen

Mehr noch: Ein paar Ministerpräsidenten, allen voran der Berliner Klaus Wowereit und der Nordrhein-Westfale Peer Steinbrück, würden das Berufsbeamtentum am liebsten gleich ganz abschaffen. Doch seit im Dezember die Föderalismuskommission scheiterte, ist erst mal auch ein Vorschlag vom Tisch, der dem Beamtenbund gar nicht gefiel. Um was es ging? Die Länder sollten mehr Kompetenzen im Dienst- und Besoldungsrecht erhalten; bislang hat der Bund dabei die Federführung.

Der Gewinner heißt also Peter Heesen. Sein Credo: "Wenn wir das Berufsbeamtentum schützen wollen, müssen wir es verändern."

Anfang Oktober hatte Heesen gemeinsam mit Innenminister Schily und dem ver.di-Vorsitzenden Frank Bsirske ein eigenes Reformpaket für die Beamten vorgelegt, das in Bundesrecht umgesetzt werden und in der kommenden Tarifrunde weitgehend auf den Angestelltenbereich übertragen werden soll. Der Beamtenstatus soll danach unangetastet bleiben, die Laufbahnen aber werden geöffnet, die Beförderung durch zwölf Dienstaltersstufen wird auf nur drei Etappen reduziert. Die Besoldung wird in Basisgehalt und Leistungszulagen gespalten, die nach Beurteilungen durch die Vorgesetzten zugeteilt werden. Zulagen für Alter und Familienstand verschwinden. Arbeitszeiten werden flexibilisiert . Die Länder bekommen die Freiheit, von den Vorgaben des Bundesbesoldungsgesetzes um fünf Prozent nach oben oder unten abzuweichen. Und in die Beamtenversorgung werden durch Eigenbeteiligung Elemente einer Kapitaldeckung eingeführt, indem kleine Teile des Gehalts in einen Fonds eingezahlt werden.