BerlinDie ganze Stadt schreit »Party!«

Berliner Clubs finden immer entlegenere Winkel: Gefeiert wird in biederen Wohngebieten und hoch über dem Alexanderplatz von Ralph Geisenhanslüke

Jennifer Lopez sieht mal wieder umwerfend aus. Golden schimmerndes Make-up, die Haare zu einem schlichten Pferdeschwanz gebunden, bauchfreies Top, kniehohe Wildlederstiefel mit Stiletto-Absätzen. Sie hat die Pelzstola abgelegt und auf dem Barhocker Platz genommen, in der Hand ein Mikrofon. Jennifer Lopez ist hier, um Auszüge aus ihrem neuen Album vorzuspielen, das demnächst erscheint. Schon während der ersten Takte wippt sie mit dem Oberkörper, rollt mit den Schultern und beginnt schließlich die Lippen zu ihrem Gesang synchron zu bewegen, beinahe als würde sie Playback für eine TV-Show mimen. Das sieht aus unmittelbarer Nähe noch um einiges spannender aus als in ihren Video-Clips. Aber was Jennifer Lopez an diesem Abend neben ihrem Outfit ebenfalls sehr gut steht, ist der Hintergrund: Sony Center, Philharmonie, Potsdamer Platz, Fernsehturm. Ein Metropolenpanorama wie auf einer Cinemascope-Kinoleinwand. Nur viel größer – und real.

Der Fahrstuhl braucht 40 Sekunden für die acht Stockwerke. Deshalb heißt Berlins neueste Club-Adresse lakonisch 40 Seconds. Die Lounge mit Lederpolstern direkt an den Fenstern bietet nicht nur Ausblick, auch das Innenleben mit dem von unten beleuchteten Tresen zeugt von Geschmack. Jennifer Michaels, die Inhaberin, betreibt bereits mit der Lola Lounge am Rosa-Luxemburg-Platz eine Stätte für gehobenes Essen, Trinken und Tanzen. Welcher Club serviert schon eine perfekte Lammkeule, welche Bar beschäftigt einen Sommelier, und in welchem Restaurant lässt es sich auch tanzen? Wo kann man bei alledem auch noch in gemütlichen Nischen auf dicken Kissen liegen? Eine Formel für ein reiferes und trotzdem noch ausgehfreudiges Partyvolk – das derzeit interessanteste Publikum in Berlin, Leute mit genug Taschengeld, Leute, die seit Jahrzehnten mit Club-Kultur leben, Leute, die neu in der Stadt sind und keine Lust mehr auf die Rituale des Underground haben. Selbst im Tresor trägt der DJ inzwischen manchmal Ohrstöpsel. Und manche schicke neue Adresse, wie etwa die Saphire Bar, liegt weit vom Schuss irgendwo in einem Wohngebiet, dieses versteckte Juwel, minimalistisch eingerichtet, mit kompetenten Barkeepern, die sich mit geschmackvollen Eigenentwicklungen wie dem Dickflüssig oder dem 2 von 2 der Kunst des kreativen Trinkens widmen. Auch die Standard-Cocktails können jeder zentral gelegenen Renommierbar lässig den Shaker reichen.

Anzeige

Einige Versuche, die neuen hauptstädtischen Zielgruppen zu erreichen, wirken hüftsteif und protzig, wie der Felix-Club im Hotel Adlon, vor dem samstagabends ein Pulk herausgeputzter Damen und aufgeregter Anzugträger Einlass begehrt. Drinnen bevölkern gestandene Herren die Galerie und blicken wohlwollend herunter auf das junge Volk, welches zu recht braver Chart-Ware auf die Tanzfläche drängt. Ähnlich wie im 90 Grad, wo man sich vor lauter Vorabendseriendarstellern manchmal beinahe im Fernsehen wähnt. Dabei herrscht allerdings ein Hysteriepegel, der sich am ehesten mit Blick auf die Schlange vor dem Klo erklären lässt.

Doch die Möglichkeiten des Amüsements für Erwachsene sind in Berlin noch lange nicht ausbuchstabiert. Im nächsten Jahr soll in Schöneberg das Goya eröffnen, ein »europäischer Nachtclub der Superlative«, der durch Shareholder finanziert wird. Wer Mitglied werden will, kauft ein Paket Aktien zu 3960 Euro. Das Nachtleben scheint verdammt erwachsen geworden zu sein.

Wer reinkommt, ist drin. Dieser Spruch steht für die Elite

Nicht weit vom Adlon stehen auf der Dorotheenstraße in Mitte dicke Betonklopse. Absperrgitter und Stacheldraht ragen in die Dunkelheit des frühen Abends. Wind treibt Bindfadenregen schräg in das grell orangefarbene Licht der Laternen. Die Absperrungen blockieren die Straßen rund um die Amerikanische Botschaft. Im mittendrin gelegenen, aber frei zugänglichen Windhorst muss man also nichts befürchten. Wenn man raus in dieses halb exterritoriale Niemandsland blickt, wird die Fensterscheibe zum Zeitfenster. Nein, das liegt nicht an dem exzellenten Wild Turkey Sour, den Günter Windhorst mixt – das liegt auch nicht am Fenster. Der Anblick weckt Erinnerungen. So ähnlich wie da draußen sah es in Berlin schon einmal aus: zu Mauerzeiten. Als es den Dschungel noch gab, DJ Motte, ohne Doktortitel, in der Turbine Rosenheim auflegte und Techno nicht erfunden war. Damals gab es Läden wie das UFO in einem maroden Altbau in der Köpenicker Straße. Man ging in die Wohnung im Seitenflügel und dann durch eine Klappe im Küchenboden runter in den Keller. Das war bevor die Subkultur all die leeren Hallen im Osten eroberte – und schließlich zum Standortfaktor für die Tourismuswerbung wurde. Sich heute daran zu erinnern – das ist, als ob Opa vom Krieg erzählt. Damals war Berlin noch West-Berlin. Die Sehnsucht nach Überschaubarkeit prägte das Nachtleben. Jede Einwanderungsgeneration hatte ihren Kiez. Die 68er in Charlottenburg, Punks und Hausbesetzer in Schöneberg und Kreuzberg, die erste Nachwendewelle blieb in Mitte hängen. Inzwischen ist Prenzlauer Berg nahezu rundum saniert. Das studentisch geprägte Friedrichshain, rund um die Simon-Dach-Straße, ist auch schon voll. Der nächste Trendbezirk könnte Wedding heißen.

Wenn man in Berlin nachts eine Sicherheit braucht, dann die, in den Club reinzukommen. Selbst wer früher stets einen Stapel Mitgliedskarten in der Tasche hatte und die Schlange vor der Tür nur vom Vorbeigehen kannte, bei dem liegt mit zunehmendem Alter das Stadtmagazin immer öfter wie ein stummer Vorwurf neben dem Sofa. Hunderte von Adressen stehen drin. Und das sind nur die offiziellen und legalen Läden. Die ganze Stadt schreit permanent: Party! Obwohl sie gar nicht so aussieht. Tagsüber jedenfalls nicht.

  • Blue Note Records: Erhabene Coolness

    Erhabene Coolness

    Kein Jazz ohne Blue Note Records. Miles Davis, Sidney Bechet und Art Blakey waren hier unter Vertrag. Ein neuer Band zeigt Bilder aus den goldenen Jahren des Genres.

    • Billy Corgan, Sänger der Smashing Pumpkins

      Diese Band hat alles verändert

      Wer mit den Smashing Pumpkins heranwuchs, kann enttäuscht von ihrem neuen Album sein. Oder sich einfach an wunderbare Zeiten erinnern. Eine Liebeserklärung

      • Die Airmachine von Ondřej Adámek

        Die Luft im Klang

        Töne aus Gummihandschuhen und Gartenschläuchen: Gelassen erobert der junge tschechische Komponist Ondřej Adámek den Elfenbeinturm der neuen Musik.

        • Aykut Anhut alias Haftbefehl

          Fettes, verstörendes Talent

          Die Hip-Hop-Gemeinde hat das neue Album von Haftbefehl erwartet wie eine Epiphanie. Dabei geht es um Literatur! Der Offenbacher ist der deutsche Dichter der Stunde.

          Service