Mit einem Mal kommt es knüppeldick für die Reformer. Der deutsche Bachelor sei in Amerika nichts wert, warnt die Frankfurter Allgemeine Zeitung gern. Und vergangene Woche erst berichtete der Spiegel in seiner Online-Ausgabe, dass gerade die innovativsten deutschen Hochschulen, die führenden Technischen Universitäten, lieber beim guten alten Diplom bleiben würden, anstatt einen "Schmalspur-Bachelor" einzuführen.

Bis 2010 sollen nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa alle Studiengänge nach demselben Prinzip funktionieren: Nach drei bis vier Jahren Studium gibt es den Bachelor, nach ein bis zwei weiteren Jahren den darauf aufbauenden Master. Die herkömmlichen Abschlüsse Magister, Diplom und Staatsexamen sollen verschwinden. Das ist das im so genannten Bologna-Prozess festgeschriebene Ziel (siehe Der Master-Plan ). Doch die Mäkelei der Diplom-Fans am Systemwechsel hat Folgen: Tausende von Studienanfängern, die sich gerade erst in den neu konzipierten Bachelor-Studiengängen eingeschrieben haben, sind verunsichert, viele Hochschulrektoren, Politiker und Bildungsexperten ihrerseits verärgert über die Panikmache. Denn auch wenn es in Detailfragen der Studienorganisation noch Probleme gibt, der deutsche Bachelor und sein großer Bruder, der Master, stecken keineswegs in der Krise. Ihre Einführung läuft sogar besser als erwartet. Seit 2001 ist die Zahl der gestuften Studiengänge ums Vierfache auf über 2.500 gestiegen, die der Studenten hat sich zwischen 2000 und 2003 gar verzehnfacht – auf knapp 67.000. Das entspricht zwar erst 3,5 Prozent der Studenten, doch die Zuwachsraten sind gewaltig.

Die meisten Unternehmen haben keine Scheu vor dem Bachelor

Und auch was die Anerkennung der neuen Abschlüsse in Nordamerika angeht, so gilt wie bisher bei Diplom, Magister oder Staatsexamen: Jede Universität entscheidet selbstständig. "Es wird weder eine pauschale Anerkennung noch eine pauschale Nichtanerkennung geben, sondern individuelle Einstufungen", sagt Christian Bode, der Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Auch um die Akzeptanz in der Wirtschaft müssen sich zukünftige Uni-Abgänger keine Sorge machen: Drei Viertel der 672 befragten Unternehmen kündigten in einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) an, in Zukunft Bachelor- und Master-Absolventen einstellen zu wollen.

"Man wird erst in ein paar Jahren erkennen, wie bedeutend diese Umstellung wirklich ist", sagt Hans-Gerhard Husung. Für den Wissenschaftsrat, der Bund und Länder in Fragen der Hochschulentwicklung berät, hat er schon 1999 herausgearbeitet, wo die entscheidende Stärke der neuen Abschlüsse liegt: in ihrer Flexibilität. Durch die europaweite Anerkennung von Studienleistungen wird nicht nur der Gang ins Ausland und der Wechsel zwischen den Hochschulen leichter. Auch ein früherer Start in den Beruf direkt nach dem Bachelor wird möglich, ebenso die Fortsetzung des Studiums nach ein paar Jahren Arbeit, unter Umständen sogar in einem anderen Studienfach. All das war mit dem bisherigen starren System undenkbar. Husung, der inzwischen Wissenschaftsstaatssekretär in Berlin ist, sagt: "Endlich kommt die Idee vom lebenslangen Lernen in die Hochschulen."

Und nicht nur das. Richtig organisiert, bedeutet der Umbau der Studiengänge einen enormen Effizienzgewinn und kürzere Studienzeiten. Verantwortlich dafür sind klare Strukturen und regelmäßige Prüfungen anstatt eines großen Abschlussexamens. Der Einbau des Bachelors nach sechs Semestern soll zudem die in einigen Fächern bis zu 80 Prozent hohe Abbrecherquote senken. Das ist bitter nötig: Nur so werden die Hochschulen den erwarteten Anstieg der Studentenzahlen auf bis zu drei Millionen verkraften – und gleichzeitig eine höhere Absolventenquote erreichen.

Universitäten, die hauptsächlich für den Arbeitsmarkt ausbilden und nicht mehr auf eine lebenslange akademische Forscherkarriere vorbereiten – in der Realität der Massen-Uni war das schon lange so. Doch durch die gestuften Abschlüsse wird das neue Bild der Hochschulen jetzt festgeschrieben: ein Studium in Scheibchen; eine Art Fachhochschulstudium an den Universitäten; für jeden nur so viel, wie er es am Ende wirklich braucht, mit erneuter Aufnahmeprüfung vor dem Master, damit nur die Besten weitermachen. "Wenn wir in Zukunft 50 Prozent eines Jahrgangs an der Hochschule haben wollen", sagt DAAD-Generalsekretär Bode, "dann geht das eben nur mit einer sehr differenzierten Hochschullandschaft und unterschiedlichen Abstufungen bei den Abschlüssen."