Die Kinder fragt keiner. Wenn Kindergärten und Schulen gebaut werden, dann übernimmt das meist die Stadtverwaltung. Gebaut wird nach den Schulbaurichtlinien des Landes. Anstatt auf jene zu hören, die am meisten Zeit in der Schule verbringen müssen, hält man sich lieber an Vorschriften, die Zahl, Größe und Nutzungsart der Räume genau festlegen. Richtlinien, die zum Beispiel in Baden-Württemberg seit 20 Jahren unverändert gelten, und als sie 1983 in Kraft traten, waren sie schon seit 20 Jahren veraltet.

Dabei ist das Thema Schulbau hoch aktuell. Zwar werden nur wenige Schulen neu gebaut, aber für viele Gebäude aus den sechziger und siebziger Jahren besteht ein gewaltiger Renovierungsrückstau, die aus den Nähten platzenden weiterführenden Schulen benötigen dringend mehr Platz. Einige Milliarden Euro fließen zudem in das Ganztagsschulprogramm, wenn auch oft in einer Weise, als sei die Mensa das einzige Problem.

Viereckige Klassenzimmer und endlose Flure

Gebäude erzählen vom Geist ihrer Zeit: die Rathäuser der Reichsstädte von Bürgerstolz, die Schlösser vom Glanz einer gottgewollten Ordnung; die wilhelminischen Gerichtsgebäude machen Justiz als staatliche Gewalt sinnfällig. Und die Schulen? Sie zeugen vom pädagogischen Geist ihrer Zeit, geronnen zu Quadrat- und Kubikmetern: Die Dorfschulen des 19. Jahrhunderts vereinigten Klassenzimmer und Lehrerwohnung, sie waren Bestandteil der Nachbarschaft. Die Gymnasien vor dem Ersten Weltkrieg waren Bildungstempel der Neugotik oder des Jugendstils. Die Schulen der Nachkriegszeit waren nüchtern und "keimfrei". Noch heute werden Schulkinder nach Jahrgängen zusammengefasst, nicht nach Stand und Potenzial ihrer Fähigkeiten gruppiert; sie werden in viereckige Klassenzimmer gefüllt, die sich wiederum entlang endloser Flure rechtwinklig aufreihen und stapeln: Das ist die Überführung der Schüler in die Batteriehaltung.

Grundschulen sind dabei meist noch liebevoll ausgeschmückt mit den Bildern der Kinder. Aber in den weiterführenden Schulen verliert sich die Ästhetik der Raumgestaltung, in der gymnasialen Oberstufe ist ihr Tiefpunkt erreicht, so als müssten die Abiturienten für die heruntergekommenen und verwahrlosten Universitätsgebäude der sechziger und siebziger Jahre desensibilisiert werden. Die Bauweise der Schulen hat seit den zwanziger und erst recht seit den sechziger Jahren die Umsetzung moderner Schulpädagogik weitgehend verhindert.

Die Lehrer erteilen Unterricht, meist im 45Minuten-Takt von Klassenzimmer zu Klassenzimmer eilend, sie sind mit größer werdenden Gebäuden selbst unpünktlich. An einem normalen Schulvormittag sind sie für ihre Schüler nicht ansprechbar, ihr Arbeitsplatz ist das private Arbeitszimmer, nicht ein Ort in der Schule, wo sie für Fragen und Ratschläge zur Verfügung stehen könnten. Einen solchen Ort haben sie nicht, sie haben keine Zeit, und so brennen sie, wenn sie Pech haben, langsam aus, zerrieben zwischen der Lebenslage allzu vieler junger Menschen, denen sie nicht wirklich helfen können, und den schulischen Anforderungen, die sie vertreten müssen. Die Schüler wiederum sind ruhig gestellt, sprechen wenig und schreiben manchmal, lernen und arbeiten sollen sie zu Hause. Eine Atmosphäre gemeinsamen Arbeitens kann nicht aufkommen, weil alle Voraussetzungen fehlen: die Bücherei, das Mobiliar, Geräte, Lehrbücher; ferner die Zeiteinteilung vom Jahresrhythmus an bis zur Aufgliederung der Tageszeiten für Spiel, Erholung, selbstständige Studien, Lehrgänge mit Lektionen.

All das wäre kaum passiert, wenn die Schüler die Bauherren ihrer Schulen gewesen wären. Vor einigen Jahren wurden 600 Jugendliche in verschiedenen Schulformen nach ihrer Meinung über ihre Schule gefragt. Durchweg vermissten sie Lebendigkeit und Farbe, Wohnlichkeit und Wärme. Spricht daraus Sehnsucht nach einer gemütlichen Einbettung in eine wärmende Kuschelpädagogik? Im Gegenteil: Die Schülercharakteristika senken den Krankenstand bei Lehrern, wehren Vandalismus ab gegen das Gebäude durch das freundliche Gebäude selbst, und dass Wohlbefinden die Arbeits- und Lernleistungen steigert, gehört zum kleinen Einmaleins der Psychologie.

Mitte 2003 starteten 12 Kollegen eines Ludwigshafener Gymnasiums eine Umfrage: "Wie soll unsere Traumschule aussehen?" Bundesweit haben sich 700 Schülerinnen und Schüler beteiligt. Das Ergebnis: offener Unterricht ohne frontale Belehrung; Lehrer, die sie ernst nehmen; und endlich, dringend, schönere Schulen und lernfreundliche Klassenzimmer; Lernwerkstätten und selbst organisiertes Arbeiten; Gruppenarbeit und Betriebspraktika, Abschaffung der Lehrpläne. Man kann ermessen, wie weit sich die Kultusminister seit Pisa mit ihren Leistungsstandards und der verschärften Testeritis von der Schulwirklichkeit entfernt haben. Diese Schülerumfrage mit einer einhelligen Ablehnung des Lehrers als Mittel- und Bezugspunkt ihres schulischen Lernens zeigt: Junge Leute wollen selbst etwas leisten, aus eigener Kraft; sie selbst wollen ihre Arbeits- als Lernprozesse eigenverantwortlich gestalten, zusammen mit anderen, in der Schule.