Was muss ein US-Heimatschutzminister in spe an Fähigkeiten mitbringen, wenn er seinem neuen Amt gewachsen sein will? Auf jeden Fall eine weiße Weste. Bernard Kerik, New Yorks Ex-Polizeichef und in engerer Wahl für diesen Posten, konnte diese nicht vorweisen. Wegen der nicht ganz korrekten Beschäftigung eines Kindermädchens fiel er vor dem Senat durch – angeblich habe er nicht gewusst, dass dieses Arbeitsverhältnis steuerpflichtig sei. Stattdessen machte der Richter Michael Chertoff das Rennen. Der treue Gefolgsmann und Parteispendensammler des US-Präsidenten sei "ein praktischer Organisator, kundiger Manager und brillanter Denker", lobte kürzlich George W. Bush. Entscheidet sich der Senat für Chertoff in den nächsten Tagen, wovon Politikexperten ausgehen, tritt er die Nachfolge von Tom Ridge an, der kurz nach der Wiederwahl Bushs aus persönlichen Gründen seinen Rücktritt erklärte.Das riesige Heimatministerium mit 183.000 Mitarbeitern entstand vor zwei Jahren und ist unter anderem für den Schutz der Grenzen und die Verwertung der Geheimdienstinformationen zuständig. Als Hauptbeschäftigungsfeld gilt jedoch die Bekämpfung von Terrorismus, ein Gebiet, in dem Chertoff als Experte gilt. Geboren am 28. November 1953 in New Jersey als Sohn eines Rabbiners, studierte er Rechtswissenschaften in Harvard. Nach seinem glänzenden Examen arbeitete er als Redakteur der renommierten Harvard Law Review. Bald jedoch wechselte der Familienvater ins Staatsanwaltsfach und nahm hauptsächlich die organisierte Kriminalität und Korruption aufs Korn. Seine Ermittlungen brachten prominente Politiker genauso hinter Schloss und Riegel wie bekannte Mafiafamilien. So wurde New Jerseys Bürgermeister Gerald Mc Cann der Steuerhinterziehung überführt. Auch der einstmals mächtige Mafiaboss Tony Salerno hatte keine Chance gegen den von Prozessbeobachtern als scharfzüngig und einschüchternd beschriebenen Juristen, der sich für die Vollstreckung der Todesstrafe ausspricht.Selbst die Clintons haben bereits unangenehme Bekanntschaft mit dem Wächter von Sicherheit und Ordnung gemacht. Zwischen 1994 und 1996 war er als Rechtsgutachter des von Republikanern dominierten Senats mit den dubiosen Immobiliengeschäften des ehemaligen US-Präsidenten und seiner Frau Hillary tätig. Der so genannte Whitewater-Skandal machte ihn auf einen Schlag im ganzen Land bekannt. Das nahm die Präsidentengattin übel: Als Chertoff 2003 zum Richter in einem Bundesberufungsgericht in Philadelphia aufsteigen sollte, stimmte sie als einzige von 89 Senatoren gegen den Juristen. Danach schaffte er es mit spektakulären Prozessen gegen Top-Unternehmen wie WorldCom und Enron regelmäßig auf die Titelseiten der US-Tageszeitungen.Seite an Seite mit dem Ex-Justizminister John Ashcroft galt Chertoff bald als Terroristenjäger Nummer Eins. Als sich Ashcroft am 11. September 2001 auf dem Weg zum Arbeitsplatz etwas verspätete, witterte Chertoff seine große Karrierechance. Er verschaffte dem FBI sofort erweiterte Strafverfolgungsbefugnisse und ordnete Massenverhöre von amerikanischen Muslimen an. Außerdem ermöglichte der Rechtsexperte die Militärtribunale in Guantanamo Bay. Weiterhin wurden ausländische Verdächtige festgenommen und ohne anwaltliche Unterstützung oder Kontakt zu Familien und Freunden monatelang interniert. Das rief auch Bürgerrechtler aus Justizkreisen auf den Plan. "Seine derzeitige Rolle im Krieg gegen den Terror, aber auch sein Vorgehen in der Affaire Whitewater wirft Fragen nach seiner Parteilichkeit und seinem Glauben an die Bürgerrechte für alle auf", warnte die Juristengruppe "Alliance for Justice" in einem Bericht. Mit Straftätern kennt Chertoff kein Pardon und ist nach eigener Aussage, wenn er die rechtlichen Möglichkeiten dazu als gegeben sieht, für die Vollstreckung der Todesstrafe.Es war Chertoff, der sich im Rahmen des Verfahrens gegen den "amerikanischen Taliban" John Walker Lindh einen zweifelhaften Ruhm im Ausland erwarb. Ohne Beisein eines Anwalts wurde Lindh auf sein Geheiß vom FBI verhört. Das so herbeigeführte "Geständnis" führte vor Gericht zu einem drastischen Urteil: 20 Jahre Gefängnis wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung.Bleibt abzuwarten, ob er in Sachen Verwaltung der Regierungsgeschäfte ebensoviel Talent beweist wie als gnadenloser Strafverfolger.