Für ein paar Sekunden hält Wolfgang Clement seine Hand an die Stirn und salutiert. Die Fotografen lösen Blitzlichter aus, die Kameraleute freuen sich: Der Wirtschaftsminister macht mitten im Pressegespräch vor, wie er in der kommenden Woche zum Rapport beim Kanzler antreten will. Gerhard Schröder hatte seinem Wirtschaftsminister öffentlich aufgetragen, über die Umsetzung der Hartz-Reform im Kabinett zu berichten. Clement habe die Verantwortung, sagte Schröder, was jener für selbstverständlich hält: "Wenn es schief gelaufen wäre, wäre ich jetzt weg."

An diesem Freitagnachmittag, dem ersten im neuen Jahr, weiß Clement schon, dass der Hartz-Start ohne allzu große Pannen gelungen ist. Sechs Arbeitsamtbesuche hat er nun hinter sich: Dresden, Köln, Hamm, Gelsenkirchen, Wismar und jetzt auch Heide in Nordfriesland. In Heide liegt in der Eingangshalle noch ein Schild mit der Aufschrift "Bitte Diskretionsabstand wahren" auf dem Boden – umgerissen von Journalisten. Fotografen sind auf Stühle geklettert, um Vermittler abzulichten. Ein Team von RTL hat einen eigenen Arbeitslosen mitgebracht und auf den Minister angesetzt.

In den anderen Agenturen ging es ähnlich zu. Clements Tour hatte die Ämter zeitweise in ziemliche Unruhe versetzt, den Minister selbst jedoch in eine fast euphorische Stimmung. "Ich habe mich bei Ihnen sehr wohl gefühlt", schwärmt er vor den Mitarbeitern in Heide. "Und ich fahre erleichtert zurück."

Nebenbei war es auch eine Bildungsreise für Clement selbst. "Es hat ja jeder so sein Bild von den Arbeitslosen und von der Arbeitsverwaltung", sagt er beim Besuch von Arbeitsagentur vier (Wismar). "Ich hatte auch eins. Und mein Bild hat sich völlig verändert – durch die vergangenen Wochen und vor allem durch die Besuche in den vergangenen Tagen." Der Satz sagt einiges über Clements Stimmung. In normalen Zeiten gehört der Minister nicht gerade zu denen, die sich selbst öffentlich korrigieren, im Gegenteil.

Aber offensichtlich sind die ersten Tage nach dem Start von Hartz IV für Clement nicht normal. Er hat außergewöhnliche Wochen hinter sich, die Erleichterung ist echt. Der Start des vierten Teils der Hartz-Reform war eine Zitterpartie, ihr Ausgang bis zuletzt offen. Seit Mitte November herrschte Alarmstimmung im Wirtschaftsministerium, und der Chef selbst war ungewöhnlich still.

Die Reform fiel in eine schwierige Zeit. Clements öffentliches Ansehen hatte ohnehin gelitten, forsche Ankündigungen etwa zur Abschaffung des Sparerfreibetrages kosteten Sympathie. Was bei seinem Start in Berlin vor gut zwei Jahren gefeiert worden war – sein mitunter obsessives Engagement –, wurde nun kritisch beäugt. "Er hat gemerkt, wie sehr er auf hoher See ist mit seinem Willen und seinem Wollen", so drückt es einer seiner Mitarbeiter aus.

Als Clement am 30. Dezember in seinem Urlaubsdomizil im Südwesten Mallorcas überraschend einen Anruf des nordrhein-westfälischen SPD-Chefs Harald Schartau erhielt, muss er tatsächlich das Ende vor Augen gehabt haben. Schartau berichtete, er höre "merkwürdige Dinge: Wolfgang, die Sparkassen können das Geld nicht überweisen." 1,8 Millionen Arbeitslose ohne Geld – Clement war klar, was das bedeutet hätte. "Ich dachte: Das war’s. Jetzt ist es aus", sagt er. Es folgte ein ministertypischer Wutanfall. "Ein Lärmpegel, als ob neben einem ein Airbus startet", erzählt ein Mitstreiter. Doch dann hatte Clement Glück: Fast in allen Fällen wurden die Fehler korrigiert.

Momentan hat man es daher mit einem ungewöhnlich zurückgenommenen, vorsichtigen und vor allem dankbaren Wirtschaftsminister zu tun. In Dresden, seiner ersten Station, wirkt er, als würde er am liebsten jeden Vermittler einzeln umarmen. Kann die milde Stimmung anhalten? Und kann ein maßvollerer Clement noch die Rolle des Antreibers und Reformmotors spielen?