Vielleicht sind die bösen Künstlerväter ja gar nicht schuld. Vielleicht sind es die Künstlersöhne in ihrer Ängstlichkeit, die alles bloß projizieren. Mir sitzt mein Vater zwischen den Schultern: Das könnte wohl ein Peter Konwitschny (über seinen Vater Franz) ebenso sagen wie Carlos Kleiber (über seinen Vater Erich) das getan hat. Erich Kleiber - neben Furtwängler, Toscanini, Klemperer und Bruno Walter einer der ganz Großen des frühen 20.

Jahrhunderts - wollte nicht, dass sein zweiter Sohn in seine Fußstapfen trat.

Sei es aus Konkurrenzangst, sei es, dass er am eigenen Leibe erfahren musste, dass die Musik den Menschen vor gar nichts schützt. 1935 hatten die Nazis den Chef der Berliner Lindenoper ins Exil gejagt.

Carlos Kleiber aber wurde trotzdem Dirigent, debütierte 1954 in Potsdam unter dem Pseudonym Karl Keller - und blieb zeitlebens der Überzeugung, in diesem Beruf kein Profi zu sein. Profis waren die anderen, die Karajans, Maazels und Mutis dieser Welt, die keine prominenten Künstlerväter hatten. Kleiber selbst wuchs der Ruf eines Exzentrikers und genialischen Verweigerungsvirtuosen zu, und er wusste dieses schillernde Klischee sehr wohl zu bedienen, indem er in einer grünen Minna zum Tristan-Dirigat nach Bayreuth fuhr oder seine Konzertgage - zum Entsetzen der Branche! - in eine Luxuslimousine ummünzte. Über all dem freilich wird allzu gern und allzu schnell vergessen, wie manisch dieser Mensch gearbeitet hat. Er war ein sich peinlichst genau vorbereitender, ebenso fantasievoller wie gestrenger Kapellmeister.

Dass er den musikalischen Vergleich mit seinem Vater in keiner Weise zu scheuen brauchte, davon legen sowohl beider Rosenkavalier-Interpretationen Zeugnis ab als auch der Freischütz oder Schuberts Unvollendete. Dass der Sohn sich am Vater orientiert, ja oft Einsicht in dessen Studienpartituren nahm, das kann man jetzt erstmals im unmittelbaren Vergleich hören. Der SWR hat in seinem Archiv einen Konzertmitschnitt vom 12. Dezember 1972 entdeckt (Carlos Kleiber und das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart) und diesen mit einer historischen Aufnahme vom 20. Dezember 1947 kombiniert (Erich Kleiber und das NBC Symphony Orchestra): zweimal Alexander Borodins Zweite, jenes klangmalerische Werk russischer Schule, das Mussorgsky einmal eine sklavische heroische Symphonie nannte und Beethovens Eroica gleichsetzte (Hänssler 93.116). Ganze 19 Sekunden trennen die beiden Aufnahmen, und doch wirkt Carlos' Zugriff feinnerviger, virbrierender, werbender, glühender und bei allem folkloristischen Kolorit existenzieller: Das Finale gebärdet sich wie die allerschönste, glitzerndste Zirkusmusik, und selbst das Andante sonnt sich noch in seiner Elegie. Eine Musik, dem Vater zu Füßen gelegt.