Warrick Sony war nie ein edler Wilder. Seine Haut ist weiß, seine Vorfahren waren Briten. Zu einer Zeit, als man bei südafrikanischer Musik höchstens an Miriam Makeba dachte - also von Südafrikanern eher folkloristische Darbietungen erwartete -, rotierten in Sonys Studio in Johannesburg schon Tape-Loops mit gefundenen Geräuschen, donnerten programmierte Beats statt handbedienter Percussion. Und heute harmlos erscheinende Titel wie Bigger Than Jesus riefen die Zensur auf den Plan. Insgesamt vier verbotene Alben führen die Kalahari Surfers in der Diskografie. Sie erschienen zum Teil in England und auch beim deutschen Punk-Label Pure Freude. Das war in den achtziger Jahren.

Heute gelten die Kalahari Surfers als Pioniere, und Warrick Sony ist der letzte verbliebene Mann auf dem Brett. Aber durchaus kein Ideologe. Neben Film-Soundtracks, etwa für John Boormans Post-Apartheids-Drama Country Of My Skull, hat er auch Werbemusik für BMW oder Nike eingespielt und Alben anderer Künstler produziert. Im Kielwasser der Kalahari Surfers hat sich eine muntere Szene entwickelt. Wer die Reise scheut, kann auf der Internet-Seite der Kapstädter Plattenfirma African Dope Records (www.africandope.co.za) hören, zu welchem Formenreichtum sie inzwischen gediehen ist. Im Februar erscheint außerdem beim deutschen Dub-Spezialisten Echo Beach erstmals eine Kollektion mit bislang schwer erhältlichen Spezialitäten der Geschmacksrichtung South Africa in dub.

Warrick selbst hat erst nach langer Pause wieder Fahrt aufgenommen, um offenen musikalischen Horizonten entgegenzusegeln. Auf dem Kurs der fliegenden Echos lässt er sich in basslastige Gewässer treiben. Neben einer geschickten Hand am Mischpult verfügt Sony auch über die Gabe, komplizierte Dinge einfach zu machen. Beim ersten Hören wird kaum jemand bemerken, in welch vertrackter Metrik manches Stück einherschreitet. Auch ein 11/8-Takt kann grooven. Dieser Dub hat mit seinem Ursprung im Reggae nur noch das Prinzip der Klangerzeugung gemein: die reine Lust am Verkosten der Klangfarben.

Ungemindert aber ist Sonys Drang, die Verhältnisse zu kommentieren. Die Texte erzählen von weiterhin zerrissenen Verhältnissen, von Militärs, die von der Amnestie profitieren, von Folterern und Mördern, die mit dem golden handshake verabschiedet werden. Einige Songs sind in Xhosa geschrieben, einer Bantusprache, die in Südafrika sieben Millionen Menschen sprechen. Muti Media (African Dope Records/Vertrieb: AL!VE) ist also kein Schreibfehler. Muti, nicht Multi. Muti bedeutet in Xhosa Heilkraut. Dass Sony damit nicht unbedingt den berühmten Kalahari-Trüffel meint, versteht sich.