Die Integration von Muslimen in die europäischen Gesellschaften scheint nicht zu gelingen. Irgendetwas funktioniert hier nicht. In der Bundesrepublik Deutschland spiegelt sich dies in einigen merkwürdigen Reizbegriffen wider. Mal ist warnend die Rede von "Parallelgesellschaften", mal von einer "Leitkultur", und bisweilen wird hämisch verkündet, die "multikulturelle Gesellschaft" sei gescheitert.

Einige dieser Beschwörungsformeln halten schon der ersten Prüfung auf Glaubwürdigkeit nicht stand. Welchem anderen Zweck als der Diffamierung dient die Warnung vor muslimischen "Parallelgesellschaften", wenn der Anteil der Muslime an der Bevölkerung in Deutschland drei Prozent beträgt? Allein die Größenverhältnisse entsprechen in keiner Weise dem suggestiven Bild von gleichrangigen Parallelen. Als ebenso unangemessen erweist sich der Ruf nach einem stärkeren Patriotismus. Was soll das bedeuten? Patriotismus ist keine Pflicht, deren Erfüllung man einfordern kann, sondern ein subjektives Bekenntnis, mit dem man sich einem Kollektiv zuordnet. Die Anrufung des Patriotismus kann keine Verbindlichkeit begründen, denn Patriotismus stellt nur das Ergebnis von Einstellungen dar, die Bürger ihrem Kollektiv gegenüber einnehmen. Man kann ihn fördern, aber nicht fordern. So verhält es sich auch mit den religiösen Bekenntnissen: Diese können nicht falsch oder richtig sein, sie können auch nicht verordnet oder verboten werden (solange sie rechtliche Rahmenordnungen einhalten), sie können lediglich den Einzelnen überzeugen oder eben nicht. Aus dieser fragilen Übereinstimmung von Bekenntnissen erwachsen Glaubensgemeinschaften, islamische wie christliche.

Andere dieser Beschwörungsformeln erfordern eine gründlichere Auseinandersetzung, um ihre Fragwürdigkeit zu entlarven. Weithin in Europa ist eine defensive Reaktion auf Migrationsprozesse zu beobachten; das Stichwort heißt "kulturelle Identität". Die unvermittelt ausgebrochene, von Klischees dominierte Debatte rankt sich um terroris-tische Akte, um den islamistisch motivierten Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh in den Niederlanden, um religiösen Fundamentalismus oder um den eigentlich harmlosen Streit über den kulturellen Zeichengehalt einer Kopfbedeckung. Die Bindungskraft der "deutschen Kultur" sei gefährdet, ist zu hören – und das Echo darauf ist die Forderung nach größerer Anpassungsbereitschaft aller Randständigen, zögernd Widerständigen oder offen Abtrünnigen.

Selbstgewiss wird eine "Leitkultur" veranschlagt, die angeblich inhaltsfeste Integrationsnormen vorgibt und klare Vorgaben für Assimilation bereithält. Sie kommt daher, als ob sie einen ausgefeilten Verhaltenskatalog darstellen würde, der einem von der angemessenen Form der Religionsausübung über die Vorschriften zur Zubereitung von Speisen bis hin zur allgemein verbindlichen Kleiderordnung derart detaillierte Maßregeln an die Hand gibt, dass jeder in die eng gefasste Normalität deutscher Kultur eintauchen und bis zur eigenen Unkenntlichkeit in ihr versinken kann.

Bei näherem Hinsehen zeigt sich allerdings nicht nur, dass es diese Detailgenauigkeit kultureller Verhaltensmuster nicht gibt, sondern auch und vor allem, dass sie – unter den Gesichtspunkten eines republikanisch gestalteten Verhältnisses zwischen Bürger und Kollektiv – als Norm der zwanghaften Anpassungsbereitschaft keinen Sinn ergibt.

Kultur ist nämlich konstruktivistisch, und die so genannte nationale Kultur ist es allemal. Sie erweist sich als eine leicht zu verändernde Menge von Traditionen, Verhaltensweisen, Bräuchen, Riten, Symbolen und Normen, die im Rahmen eines Nationalstaats immer wieder neu geformt und als Instrumentarium für politische Entscheidungsprozesse erprobt werden.

Jüngst hat die Politikwissenschaftlerin Seyla Benhabib überzeugend darauf hingewiesen, dass Kultur das Ergebnis dauerhafter Prozesse der öffentlichen Verständigung ist. Kulturelle Konturen bleiben daher weich und wechselhaft. Feste Rahmenvorgaben gibt es nur wenige; es gelten in erster Linie Rechtsnormen wie die Verfassung, öffentliches und privates Recht, erst nachrangig kommt die regulierende Kraft von Traditionen aus der Nationalgeschichte oder der Sprache hinzu.