essay Multikulti will gelernt seinSeite 3/3

Wenn nun gegenwärtig die kulturelle Integration von religiös-kulturellen Außenseitern oder Abweichlern so schlecht funktioniert, muss sich die öffentliche Kulturdebatte auf die aller Auseinandersetzung zugrunde liegenden Koexistenzregeln konzentrieren. Sie muss sich mit einem Bündel von heiklen Fragen auseinander setzen: Was sind die Bedingungen für die Entfaltung menschlicher Würde?; wie lässt sich das Gebot der Gleichheit im Spannungsfeld von egalitärer Gleichbehandlung und differenzierender Chancengleichheit verwirklichen?; was sind die Gründe dafür, dass es Marginalisierte trotz ihrer Integrationsbereitschaft gibt oder aus eigenem Betreiben Ausgegrenzte, obwohl Integrationsangebote vorhanden sind? Welches ist die Schleuse, durch die man in das neue kulturelle Ambiente des Auswanderungslandes gelangt und Integrationsaussichten erwirbt – das Pochen auf das formale Recht, der Erwerb eines angeglichenen sozialen Status, die Inanspruchnahme von Bildung? Welche Werte einer kulturellen Identität sind weniger, welche mehr disponibel im Sinne einer öffentlichen Debatte?

Der Republikanismus fordert, dass im Rahmen des geltenden Rechts alle Fragen erhoben werden dürfen, auch die nach bisher sakrosankten Formeln der Kohärenz eines politischen Kollektivs – wie zum Beispiel Inhalte des Glaubens und seine Ausübung. Wer mit der Andersartigkeit eines kulturellen Selbstverständnisses in Berührung kommt, hat wiederum einen Anspruch darauf, seine eigenen Werthorizonte in die öffentliche Debatte einbringen zu können. Der Philosoph Charles Taylor hat diese Form der kollektiven Selbstfindung die »prozedurale Republik« genannt.

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Die gegenwärtigen öffentlichen Auseinandersetzungen vermitteln freilich noch nicht den Eindruck, als seien sie von dieser Einsicht in die Prinzipien kollektiver, dialogisch angelegter Selbstfindung geprägt. Man kann sie allenfalls vorübergehend als angstvolle Reflexe hinnehmen, die aus eigener Unsicherheit zunächst einmal mit Ressentiments gegen die Fremden reagieren. Solche Reflexe müssen jedoch unverzüglich durch eine intensive Einbindung in die Debatte über veränderte Werte, über neue Bedingungen von kultureller Koexistenz und über die Rahmenbedingungen von Integration überwunden werden.

Der Autor lehrt Politikwissenschaft an der Universität Aachen; sein jüngstes Buch »Republikanische Politik« ist 2004 im Rowohlt-Verlag erschienen

 
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