Gegen Regisseure helfen keine Gerichte. Zwar haben die Inhaber der Bühnenrechte an Gerhart Hauptmann mit Erfolg gegen die umstrittene Dresdner Inszenierung der Weber geklagt. Der Regisseur muss die aktuell hinzugefügten Passagen eines Chors der Arbeitslosen wieder entfernen, über die sich schon Sabine Christiansen empört hatte, weil ihr darin der Tod gewünscht worden war. Aber was ist mit dem juristischen Sieg über die Eigenmächtigkeiten des modernen Regietheaters gewonnen? Hauptmann steht noch unter dem Schutz, den das Urheberrecht 70 Jahre nach dem Tod des Autors bietet. Bei anderen, bei Schiller, Kleist, Tschechow, werden die Regisseure weiterhin alle Umdichtungen versuchen, die sie zum aktuellen Verständnis für nötig erachten.

Mehr noch: Sie werden, aufgestachelt durch den Dresdner Fall, eine neuerliche Großdebatte um das Recht der Kunstfreiheit entfachen.

Auch sie führt aufs falsche Gleis. Es geht um keine Rechts- und keine Rechtefrage, es geht noch nicht einmal um den Respekt vor dem Autorentext. Es geht um den Respekt vor dem Theaterpublikum. Die Regisseure, das ist der Jammer, trauen dem Publikum nichts zu, nicht einmal die kleine Gedankenübung, von dem sozialen Elend, das Hauptmanns Stück schildert, zu dem sozialen Elend von heute zu gelangen. Darum arbeiten die Regisseure mit dem Holzhammer der Zwangsaktualisierung. Es sind keine Künstler. Es sind Lehrer, die ihre Schüler für dumm halten und deshalb für dumm verkaufen.