Nachdem er mich verlassen hatte, konnte ich lange Zeit gar nichts mehr spüren – ich war wie tot", hört man Frauen nach einer Trennung oft sagen. Wie Recht sie mit dieser hilflosen Beschreibung ihres Seelenzustandes haben, hat jetzt eine Gruppe von Wissenschaftlern aus Tübingen und dem amerikanischen Charleston in South Carolina nachgewiesen. Sie untersuchten die Hirnaktivitäten von Frauen, die vor höchstens vier Monaten von einem Partner verlassen wurden, mit dem sie zuvor mindestens ein halbes Jahr eng zusammen gewesen waren. Dabei stellten die Wissenschaftler fest, dass nach einer Trennung bestimmte Hirnareale nur noch vermindert tätig sind oder fast brachliegen.

Betroffen sind verschiedene Regionen: der vordere Schläfenlappen, die Inselrinde und das vordere Zingulum, von denen Emotionen, Antrieb und Motivation gesteuert werden. Auch im Präfrontalkortex, der für Aufmerksamkeit und Konzentration zuständig ist, tut sich nur noch wenig. Schließlich sind auch die Aktivitäten in der Amygdala, die furchterregende Signale verarbeitet, und im Hypothalamus, der Schlaf- und Essverhalten sowie den Hormonhaushalt regelt, wesentlich gemindert.

Verstärkte Hirntätigkeit wiesen die neun ausgewählten Versuchspersonen dagegen im Kleinhirn auf, das für das Gleichgewicht und koordinierte Bewegungen sorgt. Das Phänomen gesteigerter Hirnaktivität ist recht gut erforscht und zeigt an, dass Nerven in dieser Region mehr arbeiten müssen, um die entsprechenden Aufgaben wahrzunehmen. Weniger klar ist, was verminderte Aktivität bedeutet. "Deaktivierungen könnten dadurch zustande kommen, dass diese Hirnregionen aktiv durch andere gehemmt werden, oder dass andere Hirnregionen mehr Energie verbrauchen auf Kosten der weniger aktiven Zonen", erklärt der Tübinger Neurologe Arif Najib.

Die Forschergruppe suchte verlassene Frauen per Annonce an der Medical University of South Carolina. Bedingung war, dass die Betroffenen immer noch tiefe Trauer empfanden über die Trennung und den Expartner nicht aus ihren Gedanken verbannen konnten. Den emotionalen Schmerz sollten sie während der Untersuchung im Kernspintomografen bewusst provozieren durch Wälzen jenes Gedankens an den Exfreund, der ihnen das stärkste Trauergefühl zufügte. Zur Kontrolle folgten immer wieder Phasen, in denen sie an neutrale Situationen mit Menschen dachten, die sie ähnlich lange kannten wie den Verflossenen.

Dass die Versuchspersonen allesamt weiblich sind, kommt nicht von ungefähr. Vorstudien haben gezeigt, dass Frauen eine deutlich stärkere Veränderung der Gehirnaktivität während Trauer zeigen als Männer. Die bei ihnen betroffenen Hirnregionen umfassen bis zum Zehnfachen des Volumens, das entsprechend bei Trauer in den Gehirnen von Männern in Mitleidenschaft gezogen wird.

Anlass für die Studie war, den Zusammenhang zwischen Trauer und Depression zu untersuchen. Oft führt nämlich gerade der Verlust des Partners in die Depression, und an dieser Krankheit leiden wiederum Frauen zweimal häufiger als Männer. Tatsächlich bestätigt sich ein erster Verdacht. "Die Regionen im Gehirn, die auf Trauer reagieren, zeigen auch bei depressiven Menschen keine normale Aktivität mehr", sagt Najib.

Eine Therapie gegen Trauer ist mit dem Untersuchungsergebnis leider noch nicht gefunden. Der gut gemeinte Rat "denk doch mal an was anderes" ist zwar sinnvoll, lässt sich aber nur bedingt und unter der Voraussetzung eines eisernen Willens befolgen. Können also manche Frauen tatsächlich ohne den geliebten Partner nicht mehr leben? Die Ergebnisse lassen vermuten, dass es zumindest schwer fällt – alles wird gedämpft, emotions- und antriebslos. Einziger Trost ist die gesteigerte Hirntätigkeit im Kleinhirn. Sie hilft, Haltung zu bewahren.