Gegen Monatsende herrscht in Frankreichs ältestem Bankhaus regelmäßig Hochbetrieb. Dann muss Aufseher Philippe Platret besonders aufmerksam darüber wachen, dass seine Kundschaft trotz Geldsorgen die Ruhe bewahrt. In seinen zehn Dienstjahren beim Crédit Municipal im alten Pariser Adelsviertel des Marais hat der stämmige Sicherheitsbeamte so viel über die Gesellschaft der Hauptstadt gelernt wie andere nur aus Balzacs Comédie humaine. Platret stellt sich bei Wind und Wetter stets an günstiger Stelle im Brunnenhof des Bankpalastes auf, wo er die herannahenden Kunden einige Sekunden lang taxieren kann, bevor sie mit ihren Taschen und Paketen in der Schalterhalle verschwinden. Wegen schlechter Kleidung, sagt er, habe er noch niemanden abgewiesen, wohl aber wegen schlechten Benehmens – "weil manche Kunden mehr wollen, als die Bank ihnen gibt".

Doch die meisten sind froh, dass sie hier überhaupt noch etwas bekommen. "Wir sind die Bank für Leute, die anderswo keinen Kredit mehr haben", sagt der Aufseher. Nur einmal mussten er und seine acht Kollegen in all den Jahren einen Kunden überwältigen, der seine Forderungen mit gezogener Waffe durchsetzen wollte. Die meisten der 130000 Besucher im Jahr dagegen schätzen die diskrete und schnelle Kreditvergabe, die meist in dem Maße steigt, wie die Konjunktur nachlässt.

Der Pariser Crédit Municipal ist Abkömmling des zweitältesten Gewerbes der Welt, des Verleihens von Geld gegen Pfandgüter. Damit hat das kommunale Pariser Leihhaus 2003 rund 52 Millionen Euro umgesetzt, 14 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Durch ständige Expansion ist das gemeinnützige Unternehmen längst zu einer Allround-Kreditbank mit einer Bilanzsumme von mehr als einer halben Milliarde Euro aufgestiegen. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern ist die Pfandleihe in Frankreich bis heute ein Monopol der öffentlichen Hand. Von 22 Städten wird sie in kommunaler Hoheit betrieben. Deutschland dagegen hat fast alle seiner städtischen Leihämter mangels Rentabilität dichtgemacht – übrig geblieben sind nur noch die in Augsburg, Nürnberg, Stuttgart und Mannheim.

Wenn der Crédit Municipal die größte französische Bank für die Armen ist, wie müssen hier dann erst die Geldhäuser der Reichen aussehen? Direktor Luc Matray, 47, genießt es sichtlich, wenn Besucher in seinem 40000 Quadratmeter großen Prachtbau vor Staunen den Mund nicht mehr zubekommen. Das 1777 gegründete Geldinstitut ist eigentlich ein Museum im monumentalen Stil von Napoleons Directoire-Herrschaft. In den reich geschmückten Säulenhallen stehen mannshohe Liktorenbündel mit Streitäxten an den Wänden, jene Machtsymbole der alten Römer, die bis heute das Staatswappen des französischen Präsidenten schmücken.

Ob arme Witwe oder berühmter Künstler – alle kommen

Vielleicht liegt es an dem erlesenen Ambiente, dass es Luc Matray überhaupt nicht peinlich ist, sich als Anwalt der Schwächsten zu verstehen. Denn er ist ein Lumpensammler, der seine Kunden dort rekrutiert, wo herkömmliche Banken längst abwinken. Nicht allein wegen mangelnder Bonität, sagt Matray, sondern vor allem wegen zu geringer Rentabilität für die Geldhäuser seien heute bereits 30 Prozent der Franzosen vom regulären Finanzsystem ausgeschlossen. Er stellt sein Institut in die Tradition des Franziskanermönchs Barnabas von Terni, der 1462 in Perugia die erste Pfandleihanstalt namens Mons Pietatis, Berg der Barmherzigkeit, gründete, um die Armen vor Wucher zu schützen.

In seinem marmornen Vestibül hat Direktor Matray ein seltsames Museumsstück ausgestellt: einen meterhohen Dampfkessel, der noch bis Ende des 19. Jahrhunderts zur Desinfektion des lange Zeit wichtigsten Pfandgutes diente – Matratzen. Mit dieser Gabe verschafften sich Tagelöhner einst beim Crédit Municipal das Geld für ihre Mahlzeiten, abends dann kauften sie sich ihr amtlich gereinigtes Bettzeug zurück.

Noch bis in die sechziger Jahre nahm das Pariser Leihhaus von Regenschirmen bis Autos fast alles, was beweglich war, und es verweigerte oft auch den ärmsten Bittstellern nicht das Almosen für ein kaputtes Radio. Erst spät bemerkte das Pfandhaus, dass auffällig viele Pariser, die ihre Autos im Winter in Zahlung gaben, nicht allein aus purer Geldnot kamen; wichtiger war vielen, dass sie sich damit einen preiswerten wettergeschützten Parkplatz sicherten. Doch mit dem Siegeszug des Bankensystems und des bargeldlosen Transfers wanderten immer mehr Klienten ab, sodass das Geldhaus Gefahr lief, als Müllverwerter unrettbar in die roten Zahlen zu rutschen. Heute gibt sich das Institut mit leicht "verderblichem" technischen Gerät wie Fahrzeugen, Computern oder Kameras längst nicht mehr ab. Jedes eingelieferte Pfandgut wird einer rigorosen Qualitätskontrolle unterzogen, der nur langlebige Wertstücke standhalten. Dadurch hat sich das Institut zu einem der bedeutendsten Kunst- und Schmuckhändler der Hauptstadt entwickelt.