In fremden BettenDwarika's Hotel, Kathmandu

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Wahrscheinlich ist das Dwarika’s das einzige Hotel in der Welt, das rund um seine Fenster herum gebaut wurde. Bei dem die Fenster, kunstvoll geschnitzte, ausladende Holzerker, schon da waren, bevor überhaupt einer die Idee hatte, dieses Hotel zu eröffnen. Ja, bevor überhaupt so etwas existierte wie ein Hotel . Manche der Fenster (und auch Türen) nämlich stammen aus dem 13. Jahrhundert. Und damals gab es in Kathmandu und im Rest der Welt bestenfalls Herbergen .

Die Sache kam so: Dwarika Das Shrestha war ein Nepalese aus bester Newari-Familie, und der Beitrag der Newari zur nepalesischen Kultur besteht unter anderem in Holzschnitzereien, die ein totes Stück Holz wie lebendig werden lassen vor figürlichen und floralen Details. Dwarika Das Shrestha kannte diese Tradition, und es machte ihn schier verrückt, als er irgendwann vor einem halben Jahrhundert beobachtete, wie Arbeiter die geschnitzten Fenster eines abgerissenen Hauses zu Brennholz sägten. Er handelte ihnen die Trümmer ab, ließ die Fenster restaurieren – und hatte fortan ein Hobby, das viel Zeit, Geld und vor allem Platz kostete. Als sein Haus und sein Garten überquollen vor lauter Sammlerstücken, beschloss er, ein Hotel zu bauen. 1977 eröffnete er seinen ersten Betrieb mit zehn Zimmern. Weil er aber immer weiter sammelte, musste er sein Hotel ständig erweitern, um all die Fenster (und Türen) einbauen zu können.

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Heute wirkt das Dwarika’s wie ein ganzes Dorf mitten in der Stadt, es hat viele Gebäude, einen weitläufigen, verwinkelten Garten, 74 Zimmer – und eine eigene Restaurierungswerkstatt, in der 14 Zimmerleute und Holzschnitzer arbeiten und junge Handwerker ausbilden, damit die Kunst der Newari nicht ausstirbt.

Dwarika Das Shrestha ist seit 13 Jahren tot. Heute führen seine Witwe Ambica und seine Tochter Sangita das Hotel. Sie haben es zu einem Ort gemacht, wie es keinen zweiten gibt. Weder in Nepal noch im Rest der Welt.

Dass Luxushotels Oasen sind, besonders in lauten, dreckigen, aufregenden Städten wie Kathmandu, das kennt man: Ein Uniformierter öffnet das zentnerschwere Tor, sagt: "Good afternoon Sir, welcome back, Sir", schließt das Tor wieder, und draußen bleiben Lärm, Hektik und all die fliegenden Händler mit ihren Paschminas und ihren tibetanischen Klangschalen. In den Bäumen des Hotelgartens zwitschern die Vögel, aus dem Restaurant duftet es nach Curry, und am Pool neckt sich leise kichernd ein Liebespaar. So ist das überall.

Im Dwarika’s aber steckt man nicht eine Magnetkarte in einen Schlitz, wenn man in sein Zimmer will. Man dreht einen Schlüssel in einem faustgroßen Vorhängeschloss, schiebt einen Riegel aus Schmiedeeisen zur Seite und betritt einen Raum voller Antiquitäten. In der Mappe auf dem Schreibtisch liegt nepalesisches Reispapier bereit, das Badezimmer ist mit schwarzem Schiefer vom Himalaya verfliest, und später wird leise Musik aus dem Hof heraufsteigen. Durch das geschnitzte Gitter des "Haarfensters" (das so heißt, weil es überhängend angebracht ist, damit die Frauen ihr langes Haar im Wind trocknen lassen konnten) wird man ein Mädchen beobachten, das wie selbstvergessen zur Musik tanzt, wie für sich selbst – und doch für die Hotelgäste, damit auch sie diesen Teil der nepalesischen Kultur kennen lernen.

Längst ist das Hotel nicht mehr nur ein belebtes Museum für Newari-Schnitzereien. Töpferei, Terracotta, Teppiche, Textilien, ökologisch hergestellte Lebensmittel – mit allem, was das Dwarika’s für den eigenen Bedarf (und den Hotelshop) einkauft, werden kleine, einheimische Betriebe beschäftigt. Sangita Shrestha, die Tochter des Gründers, gab etwa den Töpfern die Anregung, die traditionellen Öllampen aus Keramik nachzuformen, weil Bronze und Messing unerschwinglich teuer geworden waren. Und Ambica Shrestha, die Mutter, Direktorin des nepalesischen Tourismus-Verbandes und überhaupt eine der einflussreichsten Frauen von Kathmandu, hat mehrere junge Frauen in das Hotelteam geholt, die niemand sonst haben wollte. Es sind Taubstumme, Verstoßene und Opfer des Mädchenhandels – eine der düsteren Seiten der nepalesischen Gegenwart. Am Abend servieren sie in Trachten aus verschiedenen Regionen Nepals, und Ambica Shrestha nennt sie ganz mütterlich "my girls".

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