Brüssel

Luxemburg ist klein. Und Jean-Claude Juncker ist der Größte. Rekordhalter aller Klassen. Regierungschef von 280000 Bürgern ist er schon seit 1995, länger als jeder andere im Kreis der EU-Chefs. Als Finanzminister agiert der 50-Jährige sogar schon seit 14 Jahren, noch ein Spitzenwert. Seither hat dieser Reinhold Messner jeden EU-Gipfel genommen, mit Bravour wie 1991 bei der Aushandlung des Maastrichter Vertrags, als Juncker die Währungsunion vor einem britischen Veto rettete. Oder elegant wie 1996 in Dublin, als er federführend die Regeln des Stabilitätspaktes formulierte, ein ehrlicher Makler zwischen Deutschen und Franzosen.

Eine List des Schicksals fügt es, dass der Luxemburger jetzt diesen Stabilitätspakt retten muss. Er soll die buchhalterischen Kriterien von drei Prozent Haushalts- oder 60 Prozent Staatsdefizit, stets gemessen am Volkseinkommen, wieder politisch praktikabel machen. Doch als wäre das nicht Aufgabe genug für den EU-Ratspräsidenten, wie Juncker sich seit dem 1. Januar nennen darf, weil sein Land diesmal an der Reihe ist, erbt der Luxemburger gleich noch einen Titel, denn er ist der erste ständige Vorsitzende im Rat der Finanzminister. Als "Monsieur Euro" wird Juncker damit Gegenspieler eines anderen Jean-Claude: Trichet heißt sein Antipode, oberster Währungshüter der Europäischen Zentralbank. An dritter Stelle steht auf Junckers Arbeitsplan fürs laufende Semester die Suche nach einer Zauberformel. Für die sieben Haushaltsjahre nach 2007 muss eine Balance zwischen Begrenzung der EU-Einnahmen und Entgrenzung der Aufgaben, zwischen Nettozahlern und Nettoempfängern, zwischen Armen und Reichen, Alten und Neuen gefunden werden.

Dann kam die große Flut. Juncker saß vergangene Woche bei der Tsunami-Konferenz in Jakarta am Verhandlungstisch und blickt diese Woche unentwegt nach Genf zur Geberkonferenz. Was tun? Helfen. Aber wie? Rasch und richtig. Bis hierher kennt ein erfahrener Politiker alle Antworten. Nun muss das alles organisiert werden. "Darüber müssen wir reden", sagt Juncker. In Genf, in Brüssel, am Telefon, dem virtuellen Tagungsort der Mächtigen.

"Junior" nannte Helmut Kohl einst Jean-Claude Juncker. Die nette Neckerei machte Juncker in Deutschland richtig populär. Nach Kohls Abgang seufzte mancher Christdemokrat: Ein Juncker täte uns Not. Gewiss halten sich bis heute zwischen dem Chef der kleinen Christlich-Sozialen Volkspartei und der großen CDU/CSU unter Angela Merkel mancherlei Wahlverwandtschaften. Doch schwächt sich die chemische Bindung ab. Bestes Beispiel: Merkel will die Türkei nicht in der Europäischen Union sehen. Juncker schon, auch wenn er 1997 beim Luxemburger Gipfel für einen Eklat zwischen Ankara und Brüssel sorgte, als er öffentlich den Türken die demokratische Reife absprach. Das bitterböse Wort vom "Christenclub" war die türkische Antwort.

Nein, die Gemeinschaft sei kein Christenclub, sagt Juncker heute, sondern einfach ein Club mit Spielregeln. Und die seien nicht geografisch festgeschrieben. Den Luxemburger trennt nicht nur die Türkei-Frage von Angela Merkel oder dem alerten französischen Chefkonservativen Nicolas Sarkozy. Deren nassforscher Welterneuerungswille ist Juncker von Herzen fremd.

Die Herkunft erklärt den Unterschied. Luxemburg ist ländlich geprägt, in der Fläche katholisch. Lëtzebuerg lebte lange von der Stahlindustrie, wie Junckers Vater, als Arbeiter vom deutschen Besatzer zum Waffendienst gepresst, vom Krieg mit tiefen Wunden ausgespien. Das prägt das europäische Engagement des Sohnes: "Nie wieder Krieg!"