Vor dem 26. Dezember hatte das Kind gerne im Wasser gespielt. Es ist acht Jahre alt und machte mit seiner Familie Urlaub in Thailand. Jetzt bricht es schreiend zusammen, wenn es das Geräusch einer Klospülung hört. Gibt man dem Kind Buntstifte in die Hand, malt es gewaltige Wellen, immer und immer wieder Wellen. Wasser ist zu einer unberechenbaren Gefahr geworden, nachdem es mit ansehen musste, wie Vater und Bruder am Strand von der gewaltigen Flutwelle mitgerissen wurden.

Es war alleine zurückgeblieben im Chaos und Entsetzen, bis sich jemand seiner annahm und Krisenhelfer in Thailand schließlich einen Rückflug organisierten. Die Mutter war zum Zeitpunkt der Katastrophe einkaufen gewesen und hatte vermutlich nur durch diesen Zufall überlebt. Ohne zu wissen, wer von ihrer Familie noch am Leben ist, war sie schon mit einem früheren Flugzeug nach Deutschland zurückgekehrt. Doch selbst als sie ihr Kind wieder in die Arme schließen konnte und es auf das Schneetreiben am Heimatflughafen aufmerksam machte, konnte das Kind nur eines erkennen: gefrorenes Wasser.

1,5 Millionen Kinder sind nach Angaben von Unicef in der Krisenregion am Indischen Ozean von der Katastrophe betroffen. Jedes dritte Todesopfer soll dort ein Kind sein. Wie viele deutsche Kinder Szenen ausgesetzt waren, die an die Grenze dessen gehen, was sie begreifen und aushalten können, wagt man nicht zu schätzen. Es werden Tausende sein. "Die Psyche eines Kindes ist verletzlicher als die eines Erwachsenen", sagt Regina Steil, Traumaspezialistin und Präsidentin der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie. Sie glaubt, dass Kinder nach einem solchen Erlebnis mit einer hohen Wahrscheinlichkeit psychische Probleme entwickeln könnten.

Die psychischen Reaktionen eines Kindes nach einem solchen Erlebnis unterscheiden sich oft von denen der Erwachsenen. Manchen Kindern etwa ist auf den ersten Blick gar nicht anzumerken, was sie hinter sich haben; sie verhalten sich scheinbar normal. Wie die Fünfjährige, die Mitarbeiter des Münchner Kriseninterventionsteams des Arbeiter-Samariter-Bundes mutterseelenallein auf der thailändischen Insel Phuket am Flughafen fanden – die Angehörigen gelten als vermisst. Das Kind war voll ansprechbar, es konnte auch seinen Namen nennen, sodass die Helfer die Großmutter in München ausfindig machen konnten. Die Kleine war begeistert, als die Piloten der Bundeswehrmaschine sie auf dem Rückflug mit ins Cockpit nahmen. "Manchmal kompensieren Kinder ein traumatisches Erlebnis kurzfristig sehr stark", sagt Peter Zehentner, Leiter des Kriseninterventionsteams. Wenn sie sich wieder in Sicherheit befinden, bei einer Bezugsperson, können sie aber zusammenbrechen.

Ob sich die Symptome verlieren oder bestehen bleiben, hängt jedoch nicht nur vom Kind selbst ab. Wenn ihm Liebe, Schutz und Geborgenheit gegeben werden, kann es das Erlebte wesentlich besser verarbeiten. Nach dem Erlebnis der Katastrophe in Südasien jetzt fehlt es aber Millionen von Kindern an alldem.

Kinder laufen rückwärts, um jeden Blick auf die Wellen zu vermeiden

Es ist überaus wichtig, dass Kriseninterventionsteams, Notfallseelsorger und Psychologen Erwachsene und Kinder unmittelbar nach dem Seebeben unterstützen. Was sie anbieten, nennen sie eine "defensive Hilfe", ein kurzes, freundliches Gespräch und handfeste Informationen: Wie und wo kann man auch in den nächsten Wochen noch Hilfe und Beratung erhalten? Welche psychischen Reaktionen von Erwachsenen und Kindern sind nach einem solchen Erlebnis normal? Mehr tun sie nicht. Ob es sinnvoll ist, zu einem so frühen Zeitpunkt eine regelrechte Therapie zu beginnen, ist unter Experten umstritten.

Im Katastrophengebiet am Indischen Ozean ist man dagegen froh, wenn überhaupt spezialisierte Helfer vor Ort sind. Eine Psychiaterin berichtet von einem Mädchen, das für tot gehalten und zwischen die Toten gelegt wurde. Erst als das Massenbegräbnis beginnen sollte, merkte jemand, dass das Kind noch lebte. Seither hat es kein Wort mehr gesprochen. In den Auffanglagern im südostindischen Nagapattinam sind inzwischen Psychologen unterwegs, um sich zunächst um diejenigen Kinder zu kümmern, die extrem traumatisiert sind und unter Schock stehen. Einen kleinen Jungen etwa, der jede Flüssigkeitsaufnahme verweigerte, nachdem er beobachten musste, wie sein älterer Bruder in der Flut umkam. Mit dem Strahl seines Trinkwasserbeutels malte er Wellen in den Sand und war dann nicht mehr ansprechbar. Andere Kinder im Lager wollen das Meer nicht mehr sehen, laufen sogar rückwärts, um jeden Blick auf die Wellen zu vermeiden – auch das ist ein typisches Zeichen von Traumatisierung. Dass viele einheimische Familien am Ort des Geschehens bleiben müssen – anders als die Touristen –, erschwert der Psyche zusätzlich eine Rückkehr in die Normalität.