Arnold Mærsk Mc-Kinney Møller hatte eine Insel gekauft, um auf ihr ein Haus zu bauen. Nicht für sich selbst oder seine Firma, sondern für Dänemark und seine Königin, deren treuester und einflussreichster Untertan er in den neunzig Jahren seines Lebens war. Und weil das Haus auf der Insel eine Achse vollenden würde, die von Eigtveds monumentaler Marmorkirche von 1794 über Schloss Amalienborg, die Stadtresidenz der Königin, übers Wasser bis zu seinem Bauplatz reichte, wählte er Dokø, die Dockinsel, als Standort für die große Gabe. Zum 100. Geburtstag seines Unternehmens im Jahre 2004 sollten Staat und Königin ein Geschenk bekommen, das sie sich allein nicht hätten leisten können.

So kam es, dass im Februar 2000 ein Anrufer mit einem ungewöhnlichen Vorschlag an die damalige dänische Kulturministerin herantrat. Er habe einen Baugrund im Hafengebiet erworben, ließ Mc-Kinney Møller wissen, und er wolle darauf etwas ebenso Würdiges wie Nützliches bauen, ein Konzerthaus zum Beispiel. Die verdutzte Ministerin holte sich umgehend den Rat des Premierministers ein und ließ den Spender nach wenigen Wochen dankend wissen, dass der beste aller Zwecke ein Opernhaus sei; denn Kopenhagens alte Oper litt schon länger unter Platzmangel, auf der Bühne ebenso wie im Zuschauerraum. Dem Geber war es recht. Zwar macht er sich, wie er in einem seiner spärlichen Interviews bekannte, nicht viel aus diesem Genre. Aber hier ging es ja nur vordergründig um Kultur, im Kern um Symbolpolitik höchsten Ranges, nämlich um den immer währenden Brückenschlag zwischen Königin, Vaterland und einem Unternehmen, dem mit Abstand größten im Königreich. Møller jedenfalls erklärte sich bereit, den Opernbau aus Mitteln eines von seinem Vater, dem Firmengründer A. P. Møller, 1954 eingerichteten Wohltätigkeitsfonds allein zu finanzieren; Staat und Stadt müssten dann lediglich für die Betriebskosten aufkommen.

Von Anfang an wusste Møller auch, wer sein Opernhaus bauen würde: Henning Larsen, seit vielen Jahren sein Hausarchitekt, der überdies als junger Mann Jørn Utzon beim Bau der Oper in Sydney assistiert hatte. Damit war klar, dass es keine Ausschreibungen geben würde, weder für die Planung noch für die Durchführung des Baus. Ebenso klar war, dass Henning Larsen nicht bauen durfte, was er wollte. Alle Entscheidungen – bis hin zur Bestuhlung und zur Fassadengestaltung mit deutschem Jura-Stein – lagen in der Hand des Patriarchen, dessen Firmenzentrale an der Esplanade künftig mit Schloss Amalienborg und dem von ihm gestifteten Opernhaus ein neues Dreieck der Macht im Zentrum von Kopenhagen bilden wird. Die Demokratie mit ihren langwierigen Prozeduren und Legitimationen hat bei diesem Schauspiel nur zugeschaut. Selbst die öffentliche Danksagung des Premierministers wurde dem Geber vorab zur Genehmigung zugeschickt.

Freilich ist auch denen, die das Geschenk mit Unbehagen betrachten oder den Bau als Toaster mit Kühlergrill verspotten, klar, dass es ohne Møller vorerst kein neues Opernhaus gegeben hätte. Kein Parlament hätte die zunächst veranschlagten 200 Millionen Euro, aus denen inzwischen bereits 300 geworden sind, bewilligt; und wahrscheinlich hätte auch der sensible Standort den Härtetest von Bürgerbefragungen und Volksentscheiden nicht überstanden.

Møllers Oper, das ist die Wiedergeburt eines absoluten Mäzenatentums, das mit den bürgerlichen Revolutionen abgedankt zu haben schien. Weder haben die Bürger mit vielen kleinen Spenden dieses Haus gebaut, noch kann hier von einer Private Public Partnership die Rede sein, wie sie manchen Kulturpolitikern heute als Rettung aus ihren Finanzproblemen vorschwebt. Weder ist Møller ein Sponsor, noch ist er ein Investor.

Was ist er dann? Ein Kaufmann und Mäzen, der über die Rendite seiner Schenkung bestens Bescheid weiß. Nicht erst in Zukunft wird sein Opernhaus den Namen des Gebers mit einer Geste der Großzügigkeit und der nationalen Größe assoziieren. Schon heute spart der Fonds, der das Geld gab, 125 Prozent seiner Investition an Steuern. Zutreffend stellen Kritiker des Opernprojekts (die man im Parlament allerdings kaum findet) fest, dass das neue Haus zu guter Letzt vom dänischen Steuerzahler, wenn auch zur höheren Ehre eines Wirtschaftsunternehmens, finanziert wurde. Und wenn schon der Bau vom Steuerzahler finanziert wurde, dann gilt das erst recht für die Betriebskosten, die sich auf mindestens 20 Millionen Euro im Jahr belaufen werden.

So etwas nennt man wohl ein Danaergeschenk. Aber schon immer haben in Dänemark private Stifter, ohne auf die langsamen Mühlen der Demokratie zu warten, diejenigen Vorhaben im Alleingang realisiert, mit denen sie sich und ihre Firmen verewigen wollten. Ein Jahrhundert früher war es der Jacobsen-Clan, der Kopenhagen und Dänemark nicht nur die weltberühmte Ny-Carlsberg-Glyptothek schenkte, sondern auch zwei bis heute aus den Bier-Erträgen sprudelnde Fonds zur Förderung der Wissenschaften und Künste. Anders als in Deutschland findet man in Dänemark eine ganze Reihe alter und in der Regel sehr verschwiegener Familienstiftungen, die diskret, aber großzügig in Kultur, Wissenschaft und Bildung investieren und dabei den eigenen Vorteil gewiss nicht außer Acht lassen.

Kein anderer Wohltäter aber hat es in dieser Kunst so weit gebracht wie Mærsk Mc-Kinney Møller, der von seinem Vater ein Reederei- und Werftimperium erbte und es in den 40 Jahren seines Wirkens nach verschiedenen Richtungen hin (Supermärkte, Fluglinien, Ölförderung) gewinnbringend ausgebaut hat. A. P. Møller – Mærsk A/S, das ist seit langem ein Staat im Staate Dänemark. Sein Eigner rangiert derzeit auf Platz 82 der Fortune- Liste der Superreichen, und seine Firma gilt als Europas größtes Transportunternehmen, auch wenn sie Bilanzpressekonferenzen und derlei bis heute nicht für nötig hält.