Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren viele deutsche Museen nur noch Ruinen. Bilder, Bücher oder Kupferstiche waren in den Wirren des Krieges entweder zerstört oder gestohlen worden. Wenn jetzt, nach fast sechzig Jahren, ein Werk unverhofft wieder auftaucht, ist das ein kleines Wunder - und oft der Beginn eines komplizierten Streits um die Rückgabe.

Auktionshäuser sind dabei Segen und Fluch zugleich: Sie klären die Herkunft so manchen Kunstwerks. Aber sie wollen versteigern, nicht zurückgeben.

Im Frühjahr 2004 wurde ein Kleinod aus dem 16. Jahrhundert zu Sotheby's in New York gebracht: das Augsburger Geschlechterbuch, ein Bildersammelband von Hans Burgkmair dem Jüngeren (um 1500) und Heinrich Vogtherr dem Älteren (1490 bis 1556). Darin sind, auf Zeichnungen und frühen Druckgrafiken, Augsburger Patrizier mit Wappenschmuck und fantasievoller Kleidung abgebildet. Sotheby's sollte den Wert des Geschlechterbuchs schätzen und seine Versteigerung vorbereiten. Ordnungsgemäß erkundigte sich das Auktionshaus bei der Graphischen Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart nach der Provenienz des Bandes. Schließlich war jede der 96 Rückseiten mit dem Inventarstempel des früheren Königlichen Kupferstichkabinetts Stuttgarts versehen, das nach dem Ersten Weltkrieg zur Graphischen Sammlung geworden war.

Es hätte ja sein können, dass einer meiner Vorgänger das Werk verkauft hat, sagt der Direktor der Staatsgalerie, Christian von Holst. Dann hätte Sotheby's das Geschlechterbuch versteigern dürfen. Aber die Anfrage brachte zutage, dass das Buch wahrscheinlich gestohlen worden war, möglicherweise von einem amerikanischen Soldaten, der es in die USA mitnahm. Der kleine Sammelband, wie das Werk in Stuttgart genannt wird, lagerte in der Endphase des Krieges mit vielen anderen Kunstschätzen in Schloss Waldenburg im Hohenlohischen. Brand und Plünderung des Schlosses sind historisch bezeugt.

Der Freude über den Fund folgte ein Tauziehen zwischen der Staatsgalerie und Sotheby's, das nun schon ein Dreivierteljahr dauert. Da es zu keiner gütlichen Einigung gekommen ist, heißt es im Statement des Auktionshauses, müsse nun ein New Yorker Gericht entscheiden, wem das Geschlechterbuch gehört. Möglicherweise ein Vorteil für Stuttgart, denn nach amerikanischem Recht kann Diebesgut grundsätzlich nie zu legalem Eigentum werden - Verjährungsfristen wie in Deutschland gibt es nicht.

Eigentlich hatte die Staatsgalerie einen Rechtsstreit vermeiden wollen: Sie wollte sich mit dem Sotheby's-Kunden außergerichtlich einigen. Allerdings konnte man sich, trotz Vermittlung des deutschen Generalkonsulats in New York, nicht auf einen Preis festlegen. Auf rund 600 000 Dollar schätzt Sotheby's das Werk, 30 000 bis 50 000 Dollar hält man in Stuttgart für angemessen. Denn die Darstellungen seien allenfalls regional bedeutsam, heißt es bei der Staatsgalerie. Außerdem seien die wertvollsten Blätter bereits im 19. Jahrhundert aus dem Geschlechterbuch herausgenommen worden: handkolorierte Holzschnittprobedrucke zur schwäbischen Genealogie. Sie sind bis heute in der Stuttgarter Sammlung. Nicht zuletzt um die verschiedenen Teile zusammenzuführen, kämpft die Staatsgalerie um die Rückgabe.

Über den genauen Zustand des Bilderbandes können sich die Fachleute in Stuttgart bisher nur ein ungenaues Bild machen - keiner von ihnen hat das Werk in Händen gehalten und begutachtet. Nur ein paar unscharfe Digitalaufnahmen gibt es in Stuttgart - ein Volontär der Staatsgalerie durfte sie bei Sotheby's in New York machen. Ulrike Gauss, die Leiterin der Graphischen Sammlung, hat die Fotos gesehen. Ein bisschen ramponiert ist der Band schon, manche Zeichnungen sind verwischt, sagt sie.