Liebe GurkenzwiebelSeite 2/2
Es begann mit der Kindheit im Ghetto, im KZ Ravensbrück und später in der DDR. 30 Jahre später folgten der enorme Erfolg mit dem ersten, 1969 veröffentlichten Roman Jakob der Lügner und die vertrackten Schwierigkeiten mit den DDR-Behörden. 1978 siedelte Becker in den Westen über, und Mitte der achtziger Jahre geriet er für ihn selbst überraschend in ein Doppelleben als Erfinder der Fernsehserie Liebling Kreuzberg und literarisches Ausnahmetalent. All das verleiht seinen Briefen den Rang von historischen Dokumenten.
Sie erzählen uns noch einmal, was es in einem Staat wie der DDR bedeutete, mit der Zensur zu kämpfen, wie man sich für jedes offene Wort beim Ministerium für Kultur rechtfertigen musste. Und dabei gingen die Behörden gegen Becker noch vergleichsweise zurückhaltend vor. Sein Welterfolg und seine Herkunft boten einen gewissen Schutz. Nicht von ungefähr betonte er noch 1987: »Ich betrachte mich nicht im Exil. Ich war nicht gezwungen, die DDR zu verlassen, ich wollte es damals. Übrigens bin ich heute noch Bürger der DDR, und die meisten meiner Bücher werden dort gedruckt.«
Anderen etwas vorzumachen war nicht Beckers Art. In seiner Korrespondenz erweist er sich als das Gegenteil eines Angebers, und das machte ihn im Literaturbetrieb einsam. Ja, beim Lesen seiner Briefe fragt man sich oft, ob dieser Schriftsteller überhaupt zum Literaturbetrieb gehörte. Mit Frisch, Grass, Hermlin und Stefan Heym fühlte er sich freundschaftlich verbunden, doch Autorenversammlungen und Akademietagungen blieb er in der Regel fern. »Die wenigen Schriftstellerkongresse, an denen ich bisher teilgenommen habe, haben mich zuverlässig in ein Stimmungstief versetzt, das Wochen anhielt«, gestand er dem Leiter eines Goethe-Instituts 1993, und das war wohl keine Pose.
Trotz Nachlässigkeiten und Leerstellen zwei lesenswerte Bände
Besonders unangenehm war Jurek Becker die Überheblichkeit vieler Kritiker, allen voran des bekanntesten, was natürlich auch dem Rezensenten seiner Briefe zu denken gibt. Das kann ihn allerdings nicht davon abhalten, die beiden nachlässig bearbeiteten Ausgaben eher widerwillig zu empfehlen und sich zu wünschen, dass Beckers Briefe in Zukunft so sorgfältig und vollständig ediert werden, wie es ein Autor seines Formats verdient hat. Gerade mal sieben Jahre liegt sein Tod zurück, und die vorliegenden Bände sind hoffentlich nur ein Anfang. So gute Briefschreiber wie ihn gab es auch in der DDR wenige.
Ihr UnvergleichlichenBelletristikBriefe; ausgewählt und herausgegeben von Christine Becker und Joanna Obru™nikJurek BeckerBuchSuhrkamp2004.Frankfurt a. M.24,80443Lieber JohnnyPostkarten an seinen Sohn Jonathan; herausgegeben von Trude TrunkJurek BeckerBelletristikBuchUllstein2004Berlin20174- Datum 13.01.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 13.01.2005 Nr.3
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