Was ist schrecklicher: wenn der Verstand die Leidenschaft unterdrückt oder wenn die Leidenschaft den Verstand außer Kraft setzt? Man kann diese Frage moralisch, psychologisch oder auch dialektisch beantworten. Claude Chabrol beantwortet sie seit geraumer Zeit mit Filmen aus einer mehr oder weniger genau beobachteten und mehr oder weniger frei erfundenen Klasse heraus.

Nennen wir sie das Bürgertum. Und er tut es als vollendeter Manierist. Die altmeisterliche Form ist eine Fassade. Dahinter kommen Chaos, Auflösung, Lust und Übergang zum Vorschein. Nun hat Chabrol sich zum wiederholten Mal eine Erzählung der englischen Autorin Ruth Rendell vorgenommen und sie in Die Brautjungfer einer genüsslichen Dekomposition unterworfen. Es geht, grob gesagt, um eine bürgerliche Familie ohne Vater, in der der älteste Sohn die Verantwortung übernommen hat. Bei der Hochzeit seiner Schwester lernt er eine junge Frau kennen, die als Brautjungfer fungiert. Das ist der Beginn einer Amour fou, in der man, unter anderem, seine Liebe durch einen Mord unter Beweis stellen soll. Was für ein Stoff für einen Psychothriller! Und welche Schauspieler: Laura Smet und Benoît Magimel, die Figuren vollständig glaubhaft und schmerzhaft intim machen können, die nach den Regeln des psychologischen Realismus nicht einmal als Verrückte durchgehen würden! Der genüssliche Manierist aber verweigert auch hier das Genre. Nicht indem er seine Regeln bricht, sondern indem er sie von innen her auflöst. Die Erzählung: eine konsequente Bewegung von der Unsicherheit ins Nichts. Die Bilder: Die Details sind bedeutender als das Ganze, das Off erzählt mehr als das Bild, und Treppen führen hinauf in die Verdammnis und hinunter in die Gnade. Und die Idee? Leidenschaft und Verstand sind ungefähr gleich verrückt.

Das Kino muss verrückt sein, um ein bisschen wahr zu sein. Und Manierismus ist eine sehr angenehme Art der Verrücktheit.