medizin Auf der Jagd nach dem tödlichen Virus H5N1

Albert Osterhaus ist der berühmteste Forscher der Niederlande. Dieser Tage beschäftigt ihn eine Krankheit ganz besonders: Die Grippe

Albert Osterhaus sorgt sich. Und weil er sich sorgt, kritisiert er und mahnt und redet sich den Mund fusselig. Er hält Vorträge, tritt im Radio auf und gibt Fernsehinterviews – man merkt: Er macht das gern. Es heißt, der Leiter des Virologielabors der Rotterdamer Erasmus-Universität lehne kaum eine Medienanfrage ab. Jetzt gerade wirft er mit viel Dramatik in seinem Büro im 17. Stock der Medizinfakultät die Hände in die Luft. »Was sollen wir tun? Sagen Sie es mir! Ich weiß auch nicht, was wir tun sollen.«

Es geht, wie so oft in diesen Wintertagen, um die Grippe. Und nein, wir wissen auch nicht, was wir tun sollen. Aber das macht nichts, denn Osterhaus galoppiert schon wieder weiter. Zeigt auf einer Liste, wie viele gefährliche Grippeviren in den vergangenen Jahren aufgetaucht sind. Beschreibt, wie viele Wasservögel, besonders Stockenten, mit Grippe infiziert sind. Erzählt, dass sie den Erreger überall hinkacken auf ihrer Migration durch die Welt. Wie eine steife Nordseebrise rauschen die Sätze einem entgegen. Hält er für einen kurzen Moment inne, sackt man unwillkürlich nach vorn wie bei einer plötzlichen Flaute.

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Aus dem Kot der Wasservögel, das sagen Osterhaus und andere, wandern die Grippeerreger weiter in Hühner, Schweine, Seehunde, Tiger – und immer wieder auch in den Menschen. Dabei mutieren sie einzigartig geschickt in stets neue Formen. Ein Grippevirus besitzt acht Gene, die wie lose Puzzlestücke durch eine glitschige Proteinhülle purzeln. Infizieren zwei unterschiedliche Erreger zufällig dasselbe Opfer, tauschen sie oft großzügig Stücke aus. So entsteht etwa alle 30 Jahre ein Virus, das vertraut genug ist, um menschliche Zellen anzugreifen, aber fremd genug, um das menschliche Immunsystem auszutricksen. Die Folge: eine Pandemie.

Das Virus zerstört Gewebe, bis das Opfer an den Körpersäften erstickt

Mit ein paar Mausklicks holt Osterhaus ein Bild auf seinen Monitor. Es zeigt etwas schwärzlich Glänzendes – eine Lunge. Sie ist kaum noch als solche zu erkennen. Ein Grippevirus zerstörte das einst frischrot-filigrane Gewebe, bis sein Opfer quasi an den eigenen Körpersäften erstickte. Osterhaus schaut eindringlich: »Auch Sie sollten sich Sorgen machen.« Unter gesträubten Brauen spähen seine Augen mit der Strenge eines Oberstudienrats durch die goldgeränderte Brille. Er trägt sein Erkennungsmerkmal – eine schwarze Weste – diesmal zu weinrotem Hemd und grauer Krawatte.

Der Mittfünfziger ist der wohl berühmteste Virenjäger der Niederlande, ein Mann, der bei großen Seuchen zielsicher ganz vorne auftaucht: sei es beim Robbensterben (das er als erster Forscher einem Staupevirus zuschrieb, wofür ihn manche zunächst verhöhnten), bei Sars (sein Labor bestätigte in rekordverdächtigen vier Wochen, dass tatsächlich ein Coronavirus dahinter steckte) oder bei der Vogelgrippe (deren Erreger H5N1 er 1997 deutlich vor den vier offiziellen WHO-Grippereferenzlabors identifizierte).

Er und seine Helfer sammelten unlängst Kotproben von fast 8800 Zugvögeln von Westsibirien über Skandinavien bis Afrika. Darin fanden sie nicht nur alle 15 bekannten Arten von Influenza-A-Grippe (der Typus, der Menschen gefährlich wird), sondern auch eine sechzehnte, bisher vollkommen unbekannte Variante. Während die Welt auf Asien starre, könne die nächste Supergrippe ebenso gut vor unserer Haustür aufflammen, sagt Osterhaus. Etwa in Holland. »Wir haben hier eine massive Konzentration von Mensch und Tier.«

Er weiß, wovon er redet. Denn im vergangenen Jahr war er Teil eines »Outbreak-Teams«, das versuchte, einen Ausbruch von Vogelgrippe unter Kontrolle zu bekommen. Ein Erreger namens H7N7 hatte in holländischen Hühnerställen zugeschlagen, rund 31 Millionen Tiere mussten getötet werden – fast ein Drittel der niederländischen Hühnerpopulation. Und obwohl H7N7 als Virus gegolten hatte, das dem Menschen nicht schadet, verursachte es diesmal bei 89 Personen Augenentzündungen oder grippale Symptome. Ein Tierarzt starb.

Das alarmierendste aber ist: Drei der 89 Opfer hatten gar keinen Kontakt zu Geflügel. Zusätzlich entdeckten Forscher in einer erst jüngst veröffentlichten Studie, dass 33 weitere Menschen, meist Familienmitglieder von Geflügelfarmarbeitern, Antikörper gegen H7N7 besitzen. Das bedeutet, dass dem Virus ein wichtiger Sprung Richtung Pandemie gelungen ist: eine Übertragung von Mensch zu Mensch.

Glücklicherweise war jenes H7N7 nicht annähernd so aggressiv wie etwa das jüngst in Südostasien zirkulierende Vogelgrippevirus H5N1. Doch auch dieser Erreger scheint sich zunehmend von seinem Vogelwirt zu lösen. Jüngst erhielt Osterhaus Nachricht aus Thailand, wo H5N1 bereits zum zweiten Mal Tiger angriff. In einer Zuchtstation starben mehrere Dutzend Raubkatzen – einige hatten sich infiziert, weil sie rohes Geflügel gefressen hatten. Andere hatten sich offenbar bei ihren Artgenossen angesteckt. »Das ist ein schlechtes Zeichen«, sagt Osterhaus, der seine Laufbahn als Tierarzt begann. »Das Virus heizt sich auf.«

Und die Welt ist überhaupt nicht vorbereitet. Ob eine Schutzimpfung rechtzeitig fertig werden kann, ist nicht sicher – und die Vorräte an geeigneten antiviralen Medikamenten würden schnell ausgehen. Das wichtigste, Tamiflu, wird nur von einer einzigen Firma produziert. Die sitzt in der Schweiz, und ihre Jahreskapazität reicht nicht für die Welt. »Im Fall einer Pandemie wird die Schweiz wahrscheinlich ihre Grenzen dicht machen«, sagt Osterhaus.

Vermutlich wären die Krankenhäuser schnell von der Patientenlast überfordert – es gäbe nicht genug Beatmungsgeräte, vielleicht nicht einmal genug Betten oder Ärzte. Möglicherweise würden Zustände ausbrechen wie bei der bislang schlimmsten Grippepandemie von 1918/19, als manche US-Städte sich gezwungen sahen, Leichen in Straßenbahnen wegzukarren und Tote in Massengräbern zu verscharren, weil ihnen schlicht die Särge ausgingen.

Die meisten Länder haben heute gerade erst damit begonnen, sich den zentralen Fragen zu stellen: Wem gönnt man die knappen Medikamente – denen, die sie am nötigsten haben, wie Alte und chronisch Kranke? Oder denen, die zum Überleben anderer beitragen, wie Ärzte und Pfleger? »Auf nationaler Ebene sind wir auf eine Pandemie nicht vorbereitet; Deutschland nicht und Holland ebenso wenig«, klagt Osterhaus. Auch das neue Europäische Zentrum für die Kontrolle von Krankheiten (ECDC), dessen Gründung Europaparlament und EU-Kommission nach dem Sars-Schreck hurtig auf den Weg brachten, stimmt Osterhaus wenig hoffnungsfroh.

Das ECDC soll Europa in die Lage versetzen, rasch und koordiniert gegen Seuchen vorzugehen, etwa indem Schulen geschlossen oder Flüge gesperrt werden. Doch zu schwach, zu kümmerlich finanziert und zu abgelegen findet Osterhaus das Zentrum, das im Mai in Stockholm seine Arbeit aufnehmen soll. Obwohl sein Name an das mächtige Center for Disease Control (CDC) der USA erinnert, wird es wenig von dessen Schlagkraft besitzen.

So soll das ECDC keine eigenen Labors erhalten. Das macht seinen kleinen Mitarbeiterstab (im Gespräch sind 70 Angestellte) abhängig von der Kooperation bestehender Forschungsinstitute. Das Zentrum erhält vermutlich ein Budget von knapp 50 Millionen Euro für die kommenden drei Jahre. Zum Vergleich: Das amerikanische CDC arbeitet mit gut 8500 Angestellten in einem Netzwerk eigener Labors und einem Haushalt von rund fünf Milliarden Euro (sieben Milliarden Dollar) pro Jahr. »Die Bevölkerung der USA und Europas sind vergleichbar, aber die beiden Zentren sind es nicht«, kritisiert Osterhaus. »Was das ECDC tun kann, ist wie eine kleine WHO die Seuchenüberwachung zu koordinieren und Eindämmungsmaßnahmen vorzuschlagen.«

Die Umsetzung der Maßnahmen jedoch wird bei den einzelnen Mitgliedsstaaten liegen, die ihre Kompetenzen in Sachen Gesundheitspolitik behalten. Lediglich »suboptimal« findet Osterhaus das Zentrum in seiner jetzigen Form. Er zuckt mit den Schultern und zündet sich noch eine Zigarette an.

Kompromisse auf Kosten der Wissenschaft – das ist nicht seine Sache. Der Virologe gilt als ehrgeizig und getrieben. »Osterhaus leidet nicht unter falscher Bescheidenheit«, beschrieb ihn einmal ein holländischer Journalist. Neben seiner Professur an der Erasmus-Universität hält er noch eine Professur an der Staatlichen Hochschule Utrecht, leitet das Nationale Grippezentrum Hollands, ist Direktor eines WHO-Referenzlabors für Masern und Vorsitzender der Europäischen Wissenschaftlichen Arbeitsgruppe für Influenza. Nebenher veröffentlicht er wissenschaftliche Artikel im Turboverfahren – durchschnittlich einen alle drei Wochen. Und am liebsten prescht er schnurstracks auf sein Ziel zu.

Bald darf er mit den gefährlichsten Viren forschen: Ebola, Lassa und Co.

So wie im vergangenen Jahr, als er – ebenso wie Kollegen und Rivalen weltweit – dem Sars-Erreger auf der Spur war. Ein neu entdecktes Coronavirus wurde verdächtigt, der Urheber der mysteriösen Lungenkrankheit zu sein, doch der formelle Nachweis über Tierversuche fehlte. In seinem Labor hält Osterhaus Affen, die er für solche Zwecke einsetzen kann. Doch hierfür benötigt er die Zustimmung einer Ethik-Kommission. Im Fall von Sars beschloss Osterhaus, die Sache sei zu dringlich, um darauf zu warten. Er überzeugte einen hoch gestellten Beamten im Gesundheitsministerium, die Experimente nachträglich abzusegnen. Das Vorgehen empörte nicht nur Tierschützer, doch Osterhaus hatte, was er wollte: Wenige Wochen später flog er nach Genf, um seine Ergebnisse auf einer WHO-Pressekonferenz vorzustellen. Die Studie ergab seinen 499. Fachartikel.

Auch bei seinem nächsten großen Ziel ist Kritik programmiert. Die Erasmus-Universität baut ihm ein Hochsicherheitslabor der Stufe 4. Binnen Jahresfrist soll es vollendet sein, und dann wird Osterhaus zu den wenigen Forschern in Europa zählen, die mit den gefährlichsten aller Viren experimentieren dürfen: Ebola, Lassa und Marburg. In seinen ersten Studien, das hat er bereits angekündigt, wird es um die Killergrippe gehen. Osterhaus will aggressive Vogelgrippeerreger wie H7N7 mit menschlichen Grippeviren verschmelzen, um zu testen, ob dabei eine pandemische Supergrippe herauskommt.

Diese umstrittenen Experimente werden weltweit nur von wenigen Forschern befürwortet. Zu frisch ist die Erinnerung, dass etwa das Sars-Virus im vergangenen Jahr trotz Sicherheitsvorkehrungen gleich mehrmals aus Labors entwich. Und während Sars nur moderat ansteckend war, könnte eine Killergrippe in kurzer Zeit rund um den Globus rasen.

Für Osterhaus aber ist das kein Grund, von den Versuchen abzulassen. »Wir brauchen diese Forschung. Wir müssen lernen, was mit diesen Viren vor sich geht, damit wir uns vorbereiten können«, erklärt er. Die Möglichkeit, dass gefährliche Erreger aus dem Labor entkommen, mag der einzige Aspekt an der Grippe sein, der Osterhaus nicht beunruhigt. »Dann muss man eben aufpassen, dass das nicht passiert«, sagt er gelassen.

 
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