medizin Auf der Jagd nach dem tödlichen Virus H5N1Seite 3/3
Die Umsetzung der Maßnahmen jedoch wird bei den einzelnen Mitgliedsstaaten liegen, die ihre Kompetenzen in Sachen Gesundheitspolitik behalten. Lediglich »suboptimal« findet Osterhaus das Zentrum in seiner jetzigen Form. Er zuckt mit den Schultern und zündet sich noch eine Zigarette an.
Kompromisse auf Kosten der Wissenschaft – das ist nicht seine Sache. Der Virologe gilt als ehrgeizig und getrieben. »Osterhaus leidet nicht unter falscher Bescheidenheit«, beschrieb ihn einmal ein holländischer Journalist. Neben seiner Professur an der Erasmus-Universität hält er noch eine Professur an der Staatlichen Hochschule Utrecht, leitet das Nationale Grippezentrum Hollands, ist Direktor eines WHO-Referenzlabors für Masern und Vorsitzender der Europäischen Wissenschaftlichen Arbeitsgruppe für Influenza. Nebenher veröffentlicht er wissenschaftliche Artikel im Turboverfahren – durchschnittlich einen alle drei Wochen. Und am liebsten prescht er schnurstracks auf sein Ziel zu.
Bald darf er mit den gefährlichsten Viren forschen: Ebola, Lassa und Co.
So wie im vergangenen Jahr, als er – ebenso wie Kollegen und Rivalen weltweit – dem Sars-Erreger auf der Spur war. Ein neu entdecktes Coronavirus wurde verdächtigt, der Urheber der mysteriösen Lungenkrankheit zu sein, doch der formelle Nachweis über Tierversuche fehlte. In seinem Labor hält Osterhaus Affen, die er für solche Zwecke einsetzen kann. Doch hierfür benötigt er die Zustimmung einer Ethik-Kommission. Im Fall von Sars beschloss Osterhaus, die Sache sei zu dringlich, um darauf zu warten. Er überzeugte einen hoch gestellten Beamten im Gesundheitsministerium, die Experimente nachträglich abzusegnen. Das Vorgehen empörte nicht nur Tierschützer, doch Osterhaus hatte, was er wollte: Wenige Wochen später flog er nach Genf, um seine Ergebnisse auf einer WHO-Pressekonferenz vorzustellen. Die Studie ergab seinen 499. Fachartikel.
Auch bei seinem nächsten großen Ziel ist Kritik programmiert. Die Erasmus-Universität baut ihm ein Hochsicherheitslabor der Stufe 4. Binnen Jahresfrist soll es vollendet sein, und dann wird Osterhaus zu den wenigen Forschern in Europa zählen, die mit den gefährlichsten aller Viren experimentieren dürfen: Ebola, Lassa und Marburg. In seinen ersten Studien, das hat er bereits angekündigt, wird es um die Killergrippe gehen. Osterhaus will aggressive Vogelgrippeerreger wie H7N7 mit menschlichen Grippeviren verschmelzen, um zu testen, ob dabei eine pandemische Supergrippe herauskommt.
Diese umstrittenen Experimente werden weltweit nur von wenigen Forschern befürwortet. Zu frisch ist die Erinnerung, dass etwa das Sars-Virus im vergangenen Jahr trotz Sicherheitsvorkehrungen gleich mehrmals aus Labors entwich. Und während Sars nur moderat ansteckend war, könnte eine Killergrippe in kurzer Zeit rund um den Globus rasen.
Für Osterhaus aber ist das kein Grund, von den Versuchen abzulassen. »Wir brauchen diese Forschung. Wir müssen lernen, was mit diesen Viren vor sich geht, damit wir uns vorbereiten können«, erklärt er. Die Möglichkeit, dass gefährliche Erreger aus dem Labor entkommen, mag der einzige Aspekt an der Grippe sein, der Osterhaus nicht beunruhigt. »Dann muss man eben aufpassen, dass das nicht passiert«, sagt er gelassen.
- Datum 13.01.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 13.01.2005 Nr.3
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