Das Duell steht an, und es wird tödlich enden. Auf der einen Seite droht ein Grippevirus. Es ist bereit und fähig, Millionen umzubringen. Sein Gegner, der Mensch, wird derzeit noch vertreten durch Ärzte, Pharmahersteller und Politiker. Sie stehen zwar schon auf dem Platz und halten Ausschau nach dem Herausforderer. Aber sie sind unentschlossen, ob sie ihn überhaupt ernst nehmen sollen. Und die Waffe, die sie einsetzen könnten, ist noch nicht fertig.

Angekündigt hat sich ein Feind mit Namen H5N1. Deshalb warnt Klaus Stöhr eindringlich vor dem bevorstehenden Showdown. Die Welt, schrieb der Koordinator der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Grippefragen jüngst im Fachblatt Science, stehe jetzt so nahe wie nie vor einer globalen Grippe-Pandemie wie der von 1968. Damals fielen dem Virus eine Million Menschen zum Opfer . Heute könnte sich die Menschheit vor einer solchen Pandemie schützen – würde sie jetzt reagieren.

Aber viele Regierungen sehen keinen Anlass zu handeln, sie unterschätzen das Grippevirus. Schon die normale Grippewelle, welche die nördliche Hemisphäre jeden Winter heimsucht, tötet allein in Deutschland 8000 Menschen, weltweit sogar bis zu 500000 im Jahr. Es könnten sehr viel weniger Tote sein, wenn sich vor allem die Risikogruppen, wie zum Beispiel alte Menschen, impfen ließen. Aber die Verwechslung mit dem gemeinen Schnupfen führt zur Sorg- und Nachlässigkeit. Eine Haltung, die die notwendigen Vorbereitungen für die Pandemiegrippe untergräbt. Wenn diese ausbricht, greift auch die Vorsorge gegen die jährliche Grippe nicht. "Im schlimmsten Fall", sagt Klaus Stöhr, "kann eine Influenza-Pandemie bis zu 100 Millionen Menschen das Leben kosten."

Seit 1999 fordert die WHO die Staaten auf, sich für den Tag X mit Notfallplänen vorzubereiten. Umsonst. Erst 15 Länder haben ihre Hausaufgaben gemacht. Nach sechs Jahren stellte am Dienstag das Robert Koch Institut in Berlin die ersten beiden Teile des Nationalen Influenzapandemieplans vor. Dessen Ziele: "Die Erkrankungshäufigkeit und Sterblichkeit während einer Pandemie senken, die Versorgung Kranker sichern sowie essenzielle, öffentliche Dienstleistungen aufrechterhalten."

Können die Bundesbürger jetzt beruhigt sein? Nein, denn das 71 Seiten lange Dokument liest sich nicht wie eine Handreichung für den größten anzunehmenden Infektionsunfall – eher wie ein Plan für einen Plan. Der entscheidende Teil III, der Aktionsplan, muss erst zwischen Bund und Ländern verhandelt werden. So was kann Wochen, mitunter aber auch Jahre dauern.

Erst werden medizinische Fachkräfte geimpft. Wie es weitergeht, ist offen

Zur Debatte stehen die Konzepte im Teil II. Dort fordern die wissenschaftlichen Experten unter anderem eine 100-Millionen-Euro-Investition für die Entwicklung eines passenden Impfstoffs und Mittel in Höhe von 400 Millionen Euro für die Durchimpfung der Bevölkerung. Aber wer und ob jemand dies zahlt, bleibt offen. Nicht einmal, wer die knappen Vakzine im Ernstfall erhält, wird verbindlich bestimmt. Anweisungen für den Amtsarzt fehlen noch – weil das operativ federführende Robert Koch Institut nicht zuständig ist. Dessen Präsident Reinhard Kurth sagt: "Wir sind fein raus, weil wir uns nicht ganz festlegen müssen." Konkreteres für den Katastrophenfall erwartet er aus einer anderen Richtung: "Das ist eine politische, keine medizinische Frage. Da halten wir uns als Institut zurück."

Im Fall sehr knapper Impfstoffressourcen solle der Immunschutz "prioritär für das Personal im (akuten) ambulanten und stationären medizinischen Versorgungsbereich gewährleistet werden". Das sind 8,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Für die restlichen 91,5 Prozent "sollten bereits im Vorfeld Kriterien entwickelt werden".