MarokkoFeilschen um die Medina

Der Charme von Marrakesch weckt westliche Begierden. Unrenovierte Hofhäuser werden in der marokkanischen Stadt für eine Million Euro verkauft von Hans-Volkmar Findeisen

V on einer der Straßen, die zum großen Platz führen, gegenüber dem Kino Mabruk, zweigt eine Art Ladenpassage ab. Drinnen befinden sich ein Call-Center und ein Internet-Café, das von einem vielleicht 15-jährigen Mädchen betreut wird. Die wackligen Computertastaturen erinnern an von Skorbut befallene Gebisse. In der Luft liegt der Geruch von Schawarma, und die erhitzten Körper der Jugendlichen treiben auch im Winter die Temperaturen in dem engen Raum schnell nach oben. Oft sitzen zwei oder drei Jugendliche vor einem Bildschirm und suchen nach Kontakten mit Frauen aus Europa. Selten schauen Fremde herein. Denn am Eingang der Ladenpassage sitzt auf einem Stuhl ein Händler. Er verkauft Handtücher und Push-ups, trägt den Bart eines Frömmlers und hat tief liegende Augen. Sein Blick wirkt unnahbar und geringschätzig, sodass die Touristen einen Bogen um ihn machen oder nur freitags kommen, wenn er als einer der wenigen in der Straße seine Arbeit unterbricht, um in die Moschee zu gehen.

Der bärtige Mann vermittelt den Eindruck, als treibe ihn ein finsteres Gefühl um und als müsse er etwas schützen vor den Fremden, die über seine Stadt herfallen wie die Heuschrecken. Seit Marrakesch Lieblingssujet von Airline-Gazetten, coffee-table books und Schöner-wohnen-Postillen ist, kommen die Touristen scharenweise auf der Suche nach der orientalischen Tradition oder dem, was ihnen als solche auf Hochglanzpapier verkauft wird. Welche der zahllosen Facetten von Marrakesch ist die anmutigste? Das erdige Rot der Stadtmauern, das satte Grün der Palmenhaine, das in der Sonne gleißende Schneemassiv des Hohen Atlas? Oder die mittelalterliche Altstadt, die Medina, mit ihren Palästen und orientalischen Hofhäusern? Die Medina ist der Gipfel der Begierde, und das finstere Gefühl könnte die Angst vor ihrem Ausverkauf an die Fremden sein.

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Zum Schneiden dick hängt in der Altstadt der Dunst von Gebratenem und Gekochtem über der Jemaa-el-Fna, dem großen "Platz der Gehenkten". Der schnelle und dumpfe Rhythmus der Trommler vermischt sich mit den Trötentönen der Schlangenbeschwörer und dem Surren der Garküchen-Generatoren Marke Yamaha oder Honda. Mit Gesten voller Magie und Geschmeidigkeit ziehen Artisten, Wunderheiler, Boxer und Geschichtenerzähler das wie elektrisiert verharrende Publikum in dichten Hexenringen um sich zusammen. Dabei kämpfen die Artisten mit Rüttlern, Presslufthämmern und Radladern um die Aufmerksamkeit der Menschen. Allein die Zivilbeamten der Brigade Touristique, der Touristenpolizei, verstehen sich auf die Kunst, unauffällig allgegenwärtig zu sein.

"In der Medina haben die Jahrhunderte den Atem angehalten", formulieren die Hochglanzschreiber. Und damit das so bleibt und Marrakesch noch schöner wird, geht auf der Jemaa-el-Fna seit Monaten eine Verbundsteinlawine nieder, fügen Pflasterer die Betonquader zu anmutigen orientalischen Mustern zusammen. Marrakesch gehört zu den Vorreitern einer Entwicklung, in deren Verlauf zu befürchten ist, dass auch Städte wie Aleppo und das jemenitische Sanaa herausgeputzt werden wie Goslar oder Rothenburg ob der Tauber – gesponsert von der EU oder von Aga Khan und gesalbt mit dem Unesco-Ehrentitel eines Weltkulturerbes. Das Facelifting soll zum einen, so der Wille der Politiker, den Einheimischen helfen, ihre orientalische Identität zu finden, was immer das auch sein mag. Denn die UN-Development-Reports wollen ermittelt haben, dass 60 Prozent der Orientalen am liebsten abhauen würden – in den Westen, dorthin, wo Menschen wohnen, die gerade den Orient als ihre zweite Heimat entdecken. Zum anderen will der Geist des Betonsteins Investoren aus dem Ausland und Touristen den Weg bereiten, damit sie Geld ins Land bringen.

Schon immer lebte die Stadt vom Geschäft und Austausch mit den Fremden. Drüben im Dunkel der Suks endeten die Handelszüge, mit denen die Berber Gold und Sklaven aus dem transsaharischen Afrika herbeischafften. Westlich des Platzes, in den Palästen der Kasbah, residierten die Almohaden, deren Herrschaft den Maghreb mit al-Andalus auf der Iberischen Halbinsel vereinigte. Das Wahrzeichen der Stadt, die Kutubija-Moschee mit ihrem leuchtturmartigen Erscheinungsbild, ist eine Frucht ibero-islamischer Baukunst. Sie wurde zu jener Zeit erschaffen, als Marrakesch zur wichtigsten Vermittlerin zwischen antiker und muslimischer Philosophie und dem abendländischen Denken heranwuchs. Ibn Ruschd (lateinisch Averroes) und der etwas ältere Ibn Tufail lebten vor 800 Jahren hier. Ihre Sprach- und Geisteskultur bildete die Grundlage für Scholastik, abendländische Logik, Lessing und die Aufklärung.

Doch von Austausch redet heute kaum mehr jemand, wenn es um den Orient und seine kulturellen Zentren geht. Stattdessen kursiert das bittere Wort vom Ausverkauf. "Auf den Altstädten ist unheimlich Druck drauf", sagt die Stuttgarter Städteplanerin Annette Gangler. Von Marokko bis Usbekistan verfolgt sie seit Jahren die Entwicklung in den Medinas. Orientalische Altstädte wirken auf den ersten Blick oft unattraktiv. Nach außen hin entbieten sie die kalte Schulter. Öffentliches und Privates trennt ein garstiger Graben. Niemand weiß, was sich hinter den Myriaden von Mauern, Türen und Toren verbirgt, ob ein winziges, dunkles und heruntergekommenes Hofhaus mit einem kaminartigen Lichthof oder ein Palast, dessen säulenumstandener Patio daran erinnert, dass die orientalische Welt Gärten inszenierte als Spiegelbilder des Kosmos und des Paradieses. Die XXL-Version des Altstadthauses, Riad genannt, kann 1000 oder mehr Quadratmeter messen. So viel Großzügigkeit und Schönheit weckt die Begierde, sich im orientalischen Paradies einzukaufen und sein eigener Pascha zu sein.

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