Eine Nachricht wie diese der Ärzte ohne Grenzen hatte man noch nie gehört: "Es ist eine Frage der Ehrlichkeit gegenüber unseren Gebern: Wir wollen nicht weiter Geld für Einsätze sammeln, die bereits finanziert sind." Die Hilfsorganisation hatte innerhalb von zehn Tagen 40 Millionen Euro an privaten Spenden eingenommen. Jean-Hervé Bradol, Präsident der Médecins Sans Frontières (MSF) in Paris, begründet den Aufruf zum Spendenstopp: "Unsere Kapazitäten sind vollständig ausgelastet, wir können einfach nicht mehr Geld ausgeben." Das Geld dürfe auch nicht für andere Zwecke verwendet werden.

Tempo und Umfang der Hilfeleistungen nach dem Tsunami-Desaster erklärt Bradol aus der Tatsache, dass es sich nicht um die Opfer eines Krieges, sondern einer Naturkatastrophe handelt: "Es gab es keine Polemik und keinen Streit über Schuldfragen. Die notleidenden Menschen verkörperten einfach nur Opfer."

Zugleich wächst aber die Sorge, dass die Konzentration der Nothilfe auf die Region des Indischen Ozean weniger medienwirksamen Krisengebieten wie im Kongo oder im sudanesischen Darfur schade, die ohnehin nie so großzügig bedacht wurden. Die Ärzte ohne Grenzen hatten zwei Monate nach den Ausschreitungen in Darfur die deutlich geringere Summe von 650.000 Euro Spenden bekommen; beim Erdbeben von Bam, wo am Ende auch nur ein Bruchteil der von der internationalen Gemeinschaft zugesagten 1,1 Milliarden Dollar ankam, waren es 600.000 Euro.

Andere Hilfsorganisationen sehen den Aufruf zum Spendenstopp daher äußerst kritisch. Franck Hourdeau von der französischen Hungerhilfe Action contre la Faim spricht von einem "totalen Kommunikationsfehler": "Die Organisation MSF hat Probleme mit dem Reichtum, wir dagegen leiden unter unserer Armut." Besser wäre es gewesen, wenn MSF die Spender dazu aufgerufen hätte, andere Organisation zu bedenken. "MSF konzentriert sich auf unmittelbare Nothilfe. Wir aber arbeiten langfristig für den Wiederaufbau von Städten." Und Jean-Marie Fardeau von der französischen Katholischen Hungerhilfe hält den MSF-Aufruf für "völlig irreführend": "Wie sollen wir ohne weiteren Spendenfluss die Wiederaufbauarbeiten mit den nicht regierungsabhängigen lokalen Organisationen finanzieren?"

Der Generaldirektor von MSF, Pierre Salignon, macht auf einen entscheidenden Unterschied aufmerksam: "Wir konzentrieren uns strikt auf die medizinische Nothilfe. Der Wiederaufbau ist Sache anderer – entweder zwischenstaatlicher Hilfeleistungen, der Weltbank oder der G8-Gruppe."

Doch gerade beim Wiederaufbau hat es bisher stets an Geld gefehlt. Die großen Zusagen wurden nie vollständig eingehalten. Zumeist hat die Hilfsbereitschaft nicht einmal ausgereicht, auch nur die schrecklichste Not der von Naturkatastrophen heimgesuchten Menschen zu lindern. Die Finanzstatistiken des UN-Büros für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) erhärten diesen traurigen Befund.

Im vergangenen Jahr richtete OCHA 31 Nothilfeersuchen an die internationale Öffentlichkeit– verbunden mit dem Aufruf, insgesamt 3,4 Milliarden Dollar loszueisen, um Hunger und Leid kurzfristig zu bekämpfen. Aber nur 2 Milliarden Dollar kamen bei den diversen UN-Organisationen an, nur 60 Prozent der erforderlichen Summe.

Beispiel Bangladesch: Kein anderes Volk ist von Naturkatastrophen dermaßen geschlagen wie die 144 Millionen Bangladescher. Seit 1971 wurden sie von 200 Desastern heimgesucht, denen bereits mehr als 500.000 Menschen zum Opfer fielen. Die Flut im vergangenen Jahr fiel besonders verheerend aus; sie überschwemmte fast drei Viertel des Landes. Die Katastrophe forderte 638 Menschenleben; fast 34 Millionen Menschen wurden in Mitleidenschaft gezogen. 850.000 Häuser wurden zerstört, mehr als 3 Millionen beschädigt. 20.000 Stück Vieh ertranken in den Fluten, viele Schulen, Krankenhäuser und Handwerksbetriebe wurden zerstört. Die Regierung Bangladeschs bezifferte den Schaden auf 6,6 Milliarden Dollar.