Es war nicht nur ein technisches Detail. Mehr als zehn Jahre lang, seit Beginn des Bosnien-Krieges, waren die Stromnetze des früheren Jugoslawiens getrennt. Im Oktober vergangenen Jahres wurden sie zusammengeschaltet. Europa hing wieder an einer Leitung, von Norwegen im Norden bis Griechenland im Süden. Die Stromversorgung Südosteuropas wird endlich mit der im restlichen Europa synchronisiert, sagte damals Donald Hays, für Wirtschaftsfragen zuständiger Vizechef der internationalen Protektoratsverwaltung des Hohen Repräsentanten in Sarajevo. Es war ein symbolischer Akt - und für den Balkan noch mehr als das.

Damit wird der Weg frei für massive Stromexporte in Richtung Norden, sagt Hays. Das Potenzial dafür ist da: Zusammen mit Albanien und den beiden Nachbarn und EU-Beitrittskandidaten Rumänien und Bulgarien produzieren die sechs aus Titos Reich hervorgegangenen Republiken schon heute jährlich rund 2000 Gigawattstunden mehr, als sie selbst brauchen.

Eine einzigartige Chance für die nach den Kriegen der neunziger Jahre wirtschaftlich arg gebeutelten Staaten des Balkans. Eine ökonomische, aber auch politische Chance. Das, was am Beginn der europäischen Integration Kohle und Stahl waren, sind für den Balkan heute Strom und Gas, sagt Erhard Busek, der Sonderkoordinator des nach Ende des Kosovo-Krieges 1999 geschaffenen, in Brüssel ansässigen Stabilitätspakts für Südosteuropa. 1951 war mit der Gründung der Montanunion der Grundstein für die spätere EU gelegt worden - der Zusammenschluss der südosteuropäischen Staaten auf dem Energiesektor könnte nach Ansicht Buseks einen ähnlichen Prozess der Annäherung ausl ösen: Der Stand der Länder mag im Einzelnen sehr unterschiedlich sein, doch durch den bestehenden Energieaustausch sind sie gezwungen, diesen gemeinsam zu verwalten und künftig noch intensiver zusammenzuarbeiten. Klar ist auch, dass dies den Balkan näher an die EU rücken ließe.

Noch befindet sich der vereinigte Energiemarkt Südosteuropa in den Anfängen.

Angestoßen wurde er im November 2002 mit der Unterzeichnung des so genannten Athen-Memorandums durch die Staaten des Balkans, Österreich, Italien, Ungarn, Griechenland und die Türkei. Im vergangenen Oktober diskutierten in Bukarest Minister und Parlamentarier aus der gesamten Region über die Perspektiven einer Energy Community of South Eastern Europe (Ecsee). Ziel des von der Europäischen Kommission betreuten Ecsee-Prozesses ist die Öffnung der einheimischen Gas- und Strommärkte für ausländische Konkurrenten bis Sommer 2005. Mittelfristig soll ein regional integrierter Markt geschaffen werden, der dem Wettbewerb mit den Anbietern in der Europäischen Union standhält - und langfristig den Anschluss ermöglicht.

Billige Kohle im Kosovo, reißende Flüsse in Bosnien

Die Runderneuerung der nötigen Infrastruktur im Energiesektor ist bereits im Gange. So unterzeichnete die bayerische Firma MBB BD Umweltsysteme kürzlich einen Konzessionsvertrag im Wert von mehr als 150 Millionen Euro, der die Firma zur Koordinierung des Neubaus eines Wasserkraftwerks in Bosnien berechtigt. Da die Leitungen wieder ans europäische Netz geschaltet sind, ist der Stromhandel nun in alle Richtungen möglich, freut sich Geschäftsführer Hans Schmitz. Im September schlossen Siemens-Vertreter ein Abkommen mit dem Gemeinsamen Koordinationszentrum für den Strombereich von Bosnien und Herzegowina im Wert von 40 Millionen Euro. Das von der Europäischen Bank für Wiederaufbau unterstützte Projekt zum Wiederaufbau des bosnischen Stromsystems umfasst Gerätschaften für mehr als 120 Trafostationen und 2000 Kilometer Kabel aus optischen Fasern, die zur Kontrolle des Hochspannungssystems verwendet werden. Wie die österreichische VA Tech und Alstom ist Siemens seit Jahren im bosnischen Energiegeschäft präsent.