Diese Hand! Scheint sie nicht überm Sesselpolster eine aparte kleine Wendung zu greifen, gedachte Tasten bewegend, vielleicht schon etwas formend aus seinem, wie wir wissen, letzten Klavierkonzert, B-Dur? Modulierende Begleitachtelchen im Finale… Aber natürlich haben wir nicht zuerst auf die Hand geschaut, sondern ins Gesicht, mit eigentümlichem Erschrecken, und vorsichtig wird ein zweiter Blick gewagt, ein längerer. So sahen wir Mozart noch nie, aber hatten wir ihn nicht doch so in Erinnerung? Vertrautheit ist da, jenseits der beiden Profilansichten, die bis zur vergangenen Woche noch als die einzig glaubwürdigen Porträts des erwachsenen Wolfgang Amadeus Mozart galten.

Das erste von 1782 wurde nicht fertig. Und just da, wo Joseph Lange Mozarts Hände hätte malen sollen, gähnt schrundig leere Leinwand. Dora Stocks Silberstiftzeichnung von 1789 beginnt in Brusthöhe. Frühere Bilder des Knaben oder Jünglings platzieren die Finger steif auf Tasten und ermangeln jedes Gesichtsausdrucks, der unseren Hunger nach Nähe zu IHM stillen könnte. Wie groß dieser Hunger wirklich ist, merkt man erst jetzt, vom lebenden Blick getroffen, den die Profilansichten verweigerten. Denn Johann Georg Edlinger malte den Musiker Mozart erst im Herbst 1790, ein gutes Jahr vor dessen Tod, 80 mal 62 Zentimeter groß. Dann verschwand das Bild und lag, einer Zuordnung zum Porträtierten entbehrend, bis vor kurzem in der Berliner Gemäldegalerie. Mit computergestützten Vergleichen soll jetzt die Zuordnung gelungen sein; Hauptanhalt dafür ist leider das schlechteste aller Porträts, von 1777, auf dem Mozart wirkt, als hätte man Händel einer Lobotomie unterzogen…

Also ist er’s? Die Frisur wie bei Lange, der Mund wie bei Stock, der Blick, auf eine Weise sich entziehend und hinter den Betrachter zielend, so nah und fern, dass man ahnt, was Ludwig Tieck meinen mochte, als er sich einer Begegnung in seiner Jugendzeit entsann. "Blöden Blicks" habe der berühmte Musiker geschaut, also: verhalten, scheu. Doch Verhaltenheit dient auch dem Übermut zur Tarnung – jenem, der hier um die Lippen zuckt, wenn auch übernächtigt. Und wenn’s am Ende doch ein Anonymus bleibt, den Edlinger in München malte? Dann der mozartischste, der je war, bereit für alle Projektionslust, die Mozarts Musik in uns freigesetzt hat. Das ist wahrhaftig nicht irgendeiner. Durchlebt sieht er aus, der 34-Jährige, durchscheinend schon. Und dann: diese Hand!