Großbritanniens Premierminister Tony Blair und Schatzkanzler Gordon Brown machen Druck. Nach vergeblichen Vorstößen wollen die Briten ihren Doppelvorsitz im Europäischen Rat und in der Gruppe der wichtigsten Industrieländer in diesem Jahr nutzen, um ein umfassendes Hilfsprogramm für die Dritte Welt durchzusetzen. Wesentlicher Teil des Konzepts, das Brown sogar mit dem Marshall-Plan für den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg vergleicht, ist ein vollständiger Schuldenerlass für die ärmsten Länder. Angesichts der Misere in diesen Staaten, betont Brown, "müssen wir 2005 dringend notwendige Fortschritte erreichen".

Zweifellos ist die Schuldenlast vieler Länder in Afrika, aber auch in Lateinamerika und Asien unerträglich. Durch die Tsunami-Katastrophe hat das Schuldenproblem zusätzliche Brisanz erhalten. So kann es durchaus sinnvoll sein, wenn Weltbank, Internationaler Währungsfonds (IWF) und die Gläubigerstaaten darauf verzichten, die vereinbarten Rückzahlungen von Krediten und Zinsen einzutreiben. Abgesehen von Katastrophen- und direkten Wiederaufbauhilfen ist jedoch zweifelhaft, ob ein generelles Streichen der Schulden zweckmäßig ist. Es schadet sogar der Bevölkerung in den armen Ländern mehr als es nützt, wenn dadurch korrupte, für Misswirtschaft und Verstöße gegen die Menschenrechte verantwortliche Regierungen in der Dritten Welt stabilisiert werden.

Ein Argument indes, das Ökonomen und Finanzexperten immer wieder gegen Schuldenstundungen oder -streichungen vorbringen, sticht im Hinblick auf die Ärmsten der Armen nicht: dass dann deren Kreditwürdigkeit leide und sie künftig am Kapitalmarkt höhere Zinsen zu zahlen hätten. Das mag für das von dem Seebeben betroffene Indonesien gelten, aber nicht für die Gruppe der hoch verschuldeten armen Entwicklungsländer. Diese Länder sind ohnehin seit langem auf Entwicklungshilfekredite der multinationalen Organisationen oder der Industriestaaten angewiesen.

Dennoch lassen die Erfahrungen mit dem bisherigen Schuldenerlass wenig Gutes ahnen. Seit 1996 läuft bereits eine Entschuldungsaktion, die 1999 auf Vorschlag der rot-grünen Regierung noch ausgeweitet und beschleunigt wurde. Danach können sich bis zu 37 hoch verschuldete arme Länder für einen Schuldennachlass qualifizieren. Voraussetzung dafür ist, dass ihr Schuldenstand 150 Prozent ihrer jährlichen Exporterlöse oder 250 Prozent ihrer jährlichen Staatseinnahmen übersteigt. Außerdem muss das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen unter der Grenze von derzeit knapp 900 US-Dollar im Jahr liegen. Eine Zusage über den Schuldenrabatt erhalten diese Staaten dann, wenn sie ein Konzept für good governance – gutes Regieren – und ein mit der Zivilgesellschaft des Landes erarbeitetes Programm zur Armutsbekämpfung vorgelegt haben. Diesen "Entscheidungspunkt" haben zwölf Länder geschafft.

Nach einer Bewährungszeit folgt der "Vollendungspunkt", dann werden tatsächlich die Schulden auf ein tragbares Maß gekürzt. Uganda war das erste Land von bislang 15 Ländern. Inzwischen sind 14 weitere gefolgt.

Für alle Entschuldungsländer zusammen wollen die Gläubiger auf insgesamt 70 Milliarden Dollar verzichten. Das meiste davon hätten die Kreditgeber aber wegen der Zahlungsunfähigkeit der Schuldner ohnehin kaum wiedergesehen. Bis zum Weltwirtschaftsgipfel im Juli im schottischen Gleneagles wollen Gastgeber Blair und sein Schatzkanzler die anderen G8-Staaten überzeugen, die Summe mehr als zu verdopppeln, um so sämtliche Schulden der ärmsten Länder bei Weltbank, IWF und Afrikanischer Entwicklungsbank auf null zu bringen. Dieses "historische Angebot" wollen die Briten auf dem Millenniumsgipfel der Vereinten Nationen im September präsentieren.

Die Befürworter können nur drei Positivbeispiele vorweisen

Selbst wenn es den Briten gelingen sollte, die widerstrebenden Partner für ihren Plan zu gewinnen – wäre damit den Menschen in den armen Ländern wirklich geholfen? Die Befürworter wie Brown und auch die deutsche Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul verweisen auf Erfolge der laufenden Entschuldungsaktion: dass in Uganda jetzt vier Millionen Kinder in die Grundschule gehen, in Tansania 31000 neue Klassenräume gebaut, 18000 neue Lehrer eingestellt, in Mosambik eine halbe Million Kinder gegen Tetanus, Keuchhusten und Diphterie geimpft worden sind.