Solidarisierung mit leidenden Menschen ist ein altes, kulturübergreifendes, keineswegs allein deutsches Phänomen. Das Spendenaufkommen der Deutschen ist seit jeher hoch und stabil, seit langem liegt es zwischen 2,3 und 2,4 Milliarden Euro jährlich. Altruismus allein kann die ungeheure Hilfsbereitschaft seit dem zweiten Weihnachtstag also nicht erklären. Vielmehr ist nach Motiven der Hilfe und nach der eigentlichen Motivationen des Helfens zu fragen.

Auf den ersten Blick beeinflusste viererlei das Spendenverhalten der Deutschen. Erstens war die Katastrophe in Südostasien außergewöhnlich groß, zweitens waren unter den Toten und Verletzten viele Deutsche, nicht selten Bekannte und Verwandte. Drittens war die Medienaufmerksamkeit enorm – unbarmherzig schwemmte die globale Bilderindustrie das Ereignis und seine Folgen täglich in jedes Wohnzimmer. Und viertens fiel die Flutwelle in die nachrichtenarme Zeit einer eigentlich besinnungsfrohen Weihnachtswoche. Die neue Dimension der Hilfe, die jetzt mit gelebtem Humanismus erklärt wird, hat vielmehr andere, verborgene Gründe.

Blickt man also tiefer, scheint die deutsche Spendenbereitschaft viel mit dem Land und seinem kollektiven Pessimismus zu tun zu haben. Die Deutschen, meint Julius Kuhl, Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Universität Osnabrück, hätten in der Nachkriegszeit Verdrängungsmechanismen perfektioniert, mit denen sie ihren Schuldkomplexen und unbeantworteten Fragen auszuweichen suchten. Leistung, Fleiß und Produktivkraft hielten lange davon ab, sich mit Emotionen zu befassen. Seit das Land aber unter wirtschaftlichen Flauten leidet und seine Spitzenstellungen verloren hat, seit die Deutschen von Verlustängsten und Unordnung, von Kriegsbildern und Terrorfurcht geplagt werden, greifen die probaten Mechanismen nicht mehr. Unter Verschluss gehaltene Ängste vor der eigenen Verletzbarkeit drängen ins Bewusstsein vor.

Solche alle Lebensbereiche betreffenden Ängste nennt die Psychologie "distribuiert" oder "vernetzt". Vernetzte Ängste verlangen vernetzte Bewältigungsformen. Die Katastrophenflut bot die Gelegenheit, diffuse Ängste zu bewältigen. Die Chance zu helfen ermöglicht plötzlich nicht nur den Eintritt in eine Empathiegemeinschaft, eine Gemeinschaft der sich Einfühlenden mit den unter der Katastrophe unmittelbar Leidenden, sondern auch die Identifizierung mit einer globalen Hilfsgemeinschaft, die eine Wertegemeinschaft ist. "Die Leute merken ganz deutlich", meint Kuhl, der Motivationsforscher, "dass sie zugemüllt werden mit Vergnügungshäppchen, dass lokale Glücksangebote nicht helfen, dauerhaft glücklich zu werden. Der Mensch will etwas, was ihn mit anderen vernetzt."

Endlich können die Deutschen Humanismus praktizieren

Wer spendet, übernimmt innerlich aktive Mitverantwortung. "Ich darf spenden, weil ich fühle", heißt es nun, und nicht mehr: "Ich muss spenden, weil ich Deutscher bin." Es ist die gelebte Sehnsucht, einen Humanismus praktizieren zu können, den man sich lange nicht gestatten mochte. "Endlich", sagt Kuhl, "können wir uns positiv erleben, ohne uns selbst dem Vorwurf auszusetzen, wir bezahlten unser schlechtes Gewissen ab."

Einigkeit macht stark. Nicht nur die Welt rückt zusammen, auch die gespaltene Gesellschaft. Bei aller Nörgelei über Hartz IV und Praxisgebühr zeigt sich, wie viel die Deutschen erübrigen wollen und können, wenn ihnen die Dimension einer ausländischen Katastrophe und damit ein Angebot zu ethischer Selbstvergewisserung vor Augen geführt wird.

Weil im Niederringen des Pessimismus allerdings auch ein irrationales Moment steckt, muss man sogar vor der Ausbeutung der eigenen Empathie warnen, wie Burkhard Wilke, Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen in Berlin es tut. "Man sollte die Menschen jetzt nicht emotional aussaugen, es gibt auch ein Morgen und Übermorgen, wo Hilfe dringend nötig ist. Wir kämen nicht weit, wenn wir immer auf solche spektakulären Kraftanstrengungen angewiesen wären."