Die Spendenbereitschaft kennt keine Grenzen. Bald fünf Milliarden Dollar haben Regierungen und Bürger in den zwei Wochen nach dem Seebeben zugesagt. Geht man von etwa fünf Millionen Betroffenen aus, die verletzt worden sind, die Angehörige verloren haben, deren Haus, deren Boot oder deren Werkstatt zerstört wurde, dann entfallen auf jeden fast tausend Dollar.

Gibt es also tatsächlich die "moralische Globalisierung", die der britische Historiker Timothy Garton Ash beobachtet? Rückt die Welt wirklich zusammen, weil wir begriffen haben, dass wir – Reich und Arm – nur diesen kleinen, verletzlichen Planeten haben? Dass wir für unser Überleben gemeinsam Verantwortung tragen?

Die Weltpolitik hatte sich in die Weihnachtsferien verabschiedet, als der Tsunami auf die Küsten Südasiens zurollte. George W. Bush, Kofi Annan, Tony Blair, Gerhard Schröder – sie alle hatten sich mit ihren Familien über die Feiertage zurückgezogen. Langsam nur begriffen sie das Ausmaß der Katastrophe. Dann aber, als sie endlich wach waren, begann ein karitativer Wettstreit, wie ihn die Menschheit nie erlebt hatte – ein Wettstreit unter den Nationen und mit den eigenen Bürgern, die auf die Fernsehbilder mit überwältigender Hilfsbereitschaft reagierten.

Der Vorwurf des "Geizes" brachte in Amerika die Wende

George Bush setzte die US-Militärmaschine in Gang, um zu tun, was kein anderes Land vermag: binnen Stunden eine Luftbrücke zur anderen Seite des Globus aufzubauen. Vor allem aber mobilisierte der Präsident Amerikas Zivilgesellschaft und versicherte sich dazu höchster Unterstützung. Er verpflichtete seine beiden Vorgänger als oberste Spendensammler. Die größte Hilfsaktion seit den Terroranschlägen vom 11.September begann.

Gewiss, die Hilfeleistungen liefen langsam an. Bushs anfängliche Zusage von 35 Millionen Dollar kommentierte der demokratische Senator Patrick Leahy treffend: "Im Irak geben wir jeden Tag vor dem Frühstück mehr aus." Schließlich das Wort vom "Geiz". Wahrscheinlich brachte dieses eine Wort des UN-Hilfskoordinators Jan Egeland, das gar nicht auf die Vereinigten Staaten gemünzt war, sondern auf alle Industriestaaten, die Wende. Amerikaner des "Geizes" zu zeihen ist ein Frontalangriff auf ihr Selbstbild. Sie sehen sich und ihre Nation als hilfsbereit und generös, der Welt und ihren Nöten zugetan. In dieses Bild passt, dass alljährlich ein Viertel bis ein Drittel der globalen Katastrophenhilfe aus Amerika kommt, genauso die Hälfte des Etats für das Welternährungsprogramm und ein Drittel der Mittel des UN-Flüchtlingskommissars. Wenn Hilfe über einen längeren Zeitraum nötig ist, sind die Amerikaner hingegen nicht mehr dabei. Kein Industrieland gibt so wenig Entwicklungshilfe wie die Vereinigten Staaten.

Amerika wäre nicht Amerika, würde es seine Hilfe nicht vermarkten. "Der Welt", trompetete der Präsident, "zeigen wir das Mitgefühl unserer Nation." Die sich verkannt fühlende Nation will beweisen, dass sie es gut meint. Und vergisst dabei die alte Weisheit der Beatles aus einem ihrer berühmten Songs: Can’t buy me love!

Dabei hat die amerikanische Diplomatie geschickt versucht, nicht erneut die Vereinten Nationen vor den Kopf zu stoßen, die für sich die Koordinierung der Hilfe beanspruchten. Kaum hatte Kofi Annan seinen Weihnachtsurlaub im amerikanischen Bundesstaat Wyoming abgebrochen, eilte Colin Powell auch schon nach New York, um jeden Verdacht auszuräumen, Washington wolle sich mit einer "Koalition der Hilfswilligen" wie beim Irak-Krieg über die Weltorganisation hinwegsetzen. Bush löste die "Kerngruppe" mit Japan, Indien und Australien nach der Geberkonferenz in Jakarta wieder auf. Der Tsunami schien die üblichen politischen Reflexe lahm gelegt zu haben.