Jeden Tag, manchmal stündlich, schrieb Gerhard Schröder seine Silvesteransprache um. Immer dramatischer klangen die Nachrichten, immer albtraumhafter sahen die Videoberichte von den Küsten aus, da konnte er doch wohl nicht wie in Normalzeiten über Quisquilien aus dem eigenen Land sprechen? Die Welle und ihre Folgen, darum allein sollte es gehen. Konkret musste er werden. Langfristig sollte jedes Engagement sein. Und wenn die Leute schon so viel spendeten, musste nachprüfbar sein, wofür und wohin. "Eine Welt", davon sprach er angesichts der Bilder plötzlich. Aber es musste klar werden, dass das keine Floskel ist.

Im kleinsten Kreis, wenn es überhaupt "Kreis" genannt werden kann, entstand so beim Kanzler, kurz bevor er letzte Hand an die Rede legte, der Gedanke, den Flutopfern zwischen Aceh und Sri Lanka "Partnerschaften" von Staaten und Städten, aber auch "Patenschaften" von Schulen, Unternehmen, privaten Initiativen anzubieten. Kaum hatte er es verkündet, meldeten sich enthusiasmierte Bürgermeister am Telefon. Alle wollten mitmachen. Die Sache schlug noch mehr ein als das Versprechen, auch der Staat wolle mit 500 Millionen Euro, gestreckt über drei bis vier Jahre, nicht kleckern, sondern klotzen; wobei Schröder weder geklärt hatte, woher genau die formidable "Spende" kommen solle, noch, wohin sie gehe, unter welcher Regie sie verteilt werde oder ob sich politische Bedingungen in den Bürgerkriegsgebieten der Tamile Tigers oder Sumatras daran knüpften.

Auch dass Rheinland-Pfalz seit über zehn Jahren eine Patenschaft für das geplagte Ruanda organisiert, mit vielen kleinen Privatinitiativen, war Schröder in dem Moment nicht gegenwärtig. Er hat nicht angerufen bei Heidemarie Wieczorek-Zeul, von der er hätte erfahren können, dass es eine "Servicestelle Kommunen in der Einen Welt" bereits seit 2001 gibt. Hessen/Madras, Hildesheim/Padang, Braunschweig/Bandung, Berlin/Jakarta, viele Städte arbeiten zusammen. Und Schröder wird auch kaum daran gedacht haben, dass sich vor knapp vier Jahren bereits 2000 Kommunen darauf einließen, den lokalen Agenda-21-Prozess zu unterstützen, eine Initiative, auf die sich 1982 immerhin 178 Staaten in Rio de Janeiro verständigt hatten, um Nachhaltigkeit in der Umwelt, bei Energie und Natur, bei Bildung, Gesundheit und Ernährung zur globalen wie zur lokalen Aufgabe zu machen. Im Norden wie im Süden, bei Reichen wie bei Armen, bei Profiteuren wie Betroffenen.

Es gibt bereits viel Kompetenz, Kreativität und Engagement, wo es um "gerecht gestaltete Globalisierung", um globale Armutsbekämpfung und um Friedenssichern in fragilsten Weltgegenden geht, wie Heidemarie Wieczorek-Zeul ihre drei langfristigen Ziele zusammenrafft. Nur: Dem Publikum fehlt dafür der lange Atem, und der Politik ebenso.

Und jetzt? Vermutlich wird er nicht gleich durch offene Türen rennen, aber auf offene Ohren wird Jeffrey D. Sachs gewiss stoßen, der Leiter des Earth Institute an der Columbia University in New York, wenn er am 19. Januar seinen Zwischenbericht zum UN-Millenniumsprojekt in Berlin erläutert – und den unzureichenden deutschen Beitrag ordentlich rüffelt, um die Lebensbedingungen der Ärmsten der Welt spürbar zu verbessern. Auch der Kanzler, der von "einer" Welt spricht, wird mindestens zuhören.

Man erinnere sich: 189 Staaten, darunter auch die Bundesrepublik mit Gerhard Schröder, hatten sich im September 2000 auf Millennium-Entwicklungsziele verständigt. 1,2 Milliarden Menschen lebten im Ausgangsjahr 1990 von weniger als einem Dollar am Tag – das war der Maßstab für "Armut". Diese Einkommensarmut sollte bis 2015 prozentual zum Bevölkerungsanteil um die Hälfte, die Kindersterblichkeit um zwei Drittel verringert werden, bessere Bildungsangebote und Gesundheitsversorgung sollten dazu beitragen. Nur wenn sie sich diesen Zielen erheblich konsequenter annäherten als bisher, argumentieren die Entwicklungsorganisationen unisono, werde es gelingen, auf Washington Druck oder zumindest eine Sogwirkung auszuüben, um sich den Millenniumszielen anzunähern.

Gäbe es nicht ein gewisses Umdenken, hätte die rot-grüne Koalition den Kredit rasch wieder verspielt, den sie sich erwarb mit ihrem "Flutenkanzler" und dem Außenminister, der in Thailand die Mediziner bei ihrer bitteren Identifizierungsarbeit in den Leichenhäusern besuchte; Kredit für rasches Reagieren, Umsichtigkeit, das Engagement für den "Süden" der Welt und auch dafür, sich ohne Fisimatenten mit an die Spitze der "Geberländer" zu setzen. Den Zeitpunkt hat Schröder nicht schlecht gewählt, allerdings hat er auch etwas nachzuholen.

Nicht nur, dass Berlin kaum Fortschritte machte, sich den Millennium Development Goals anzunähern. Ähnlich sah es auch aus mit den viel beschworenen 0,7 Prozent: Die reichen Industrieländer sollten von 1975 an durchschnittlich 0,7Prozent des Bruttosozialprodukts für entwicklungspolitische Ziele aufwenden. Die Allerwenigsten – Norwegen, Schweden, Dänemark, Luxemburg und die Niederlande – kamen dem auch nur nahe, zeitweise gingen die Zahlen dramatisch zurück. Im Schatten des 11. September, bei einer Konferenz im Frühjahr 2002, hat sich die EU darauf verständigt, bis 2006 wenigstens ein Etappenziel, 0,39 Prozent, einzulösen. Berlin nadelte sich auf das Ziel 0,33 Prozent herunter, weil man ohnehin den größten Brocken zu zahlen habe. Und die teure Einheit!