Vielleicht begann ja alles mit der Entdeckung der Hand. Damals, als man die Hand nicht mehr so dringend brauchte, um von Ast zu Ast zu klettern und das Gedärm aus dem Tier zu reißen. Irgendwann legte einer die Hand auf den Felsen und sprühte Farbe zwischen die Finger. Das war zu nichts zu gebrauchen, war nur zum Staunen. Die Hand blieb da und zog sich nie mehr zurück. Und immer wenn die Leute vorbeikamen, war die Hand noch da, und sie stellten sich vor, wie wohl der Arm ausgesehen haben mag, der zur Hand passt, und das Gesicht, die Augen, die die Hand zum ersten Mal gesehen haben. Und schon möglich, dass die Menschen nie mehr aufgehört haben, Hände und anderes zu zeichnen, weil sie sich bei Zeichnungen immer so viel vorstellen dürfen.

Linienhektik bei Giacometti: Er folgt dem Leben mit rasendem Strich

Tief also ist der Brunnen der Vergangenheit, magisch ist die Hand und rätselhaft die Zeichenkunst. Im Kunstverein Hannover ist man auf Tauchfahrten gegangen. Ohne schweres Atemgerät und mühsamen Druckausgleich. Sportlich wie die Perlenfischer. Einfach hinunter. Allerdings tut die Ausstellung so, als wolle sie gar nicht so weit bis zu Dunkelheit und Grund. Es sei ihr mehr um "Zeichnung als Reportage" zu tun. Und da stutzt man doch, bevor man sich hinein- und hinabstürzt. Reportage? Wie kann das sein, wie hält sie mit, die langsame Zeichnung bei der schnellen Nachrichtenübermittlung? Wie steht es um ihre Wahrheit, wenn von ihr nur Dokumentation verlangt ist? Schon merkt man, dass man mitten im Abenteuer ist und dass es, genau besehen, um nichts anderes als um Faszination geht. Eben um die Verführung der Hand.

Jene Verführung auch, von der die aktuelle Zeichnungsmode zehrt. Landauf, landab ist ein neues auffälliges Interesse am unauffälligen Medium zu beobachten. Im selben Maße, in dem die repräsentativ gewordene Kunst in der Alltagskultur aufgeht, wächst offenbar die Neugier an den versteckten, intimen, weniger offiziellen Ausdrucksmöglichkeiten. Zeichnungen als Zeichen für den Anspruch des unverfügbar Privaten.

Alberto Giacometti in Paris, Ende der fünfziger Jahre. Straßen, Brücken, Passanten, ein Coiffeur- Schild, geparkte Citroëns, hoch geht der Blick zu den Zwillingstürmen einer Kirche, nach vorn geht der Blick aus dem Autocockpit über das Handschuhfach hinweg. So scannt sich das Auge durch die Stadt, und die Hand folgt ihm mit rasendem Strich, hetzt den Dingen nach, will von ihnen nicht mehr wissen als was an ihnen Erscheinen ist und Verschwinden. Eine Überraschung, dieses beiläufige, völlig bedeutungsentlastete Zeichnen, wo doch bei Giacometti immer alles Bedeutung hat und noch jede Figur vom gefährdeten, vom unmöglichen In-der-Welt-Sein erzählt. Hier, außerhalb des Ateliers, ist es, als seien all die dunklen Existenzchiffren für Augenblicke gelöscht, überblendet von der Fülle des sich selbst lebenden Lebens. Und die Linienhektik, die bei den intimen Interieurs stets einen weich polsternden Saum zwischen Figur und Welt legt, ist hier nichts als ein Bekenntnis zur Geschwindigkeit, zur Rastlosigkeit und Unersättlichkeit des flanierenden Auges.

Lust auf Zeichnung bekommen? Schon ganz schön tief hineingeraten in die Hannoveraner Tauchfahrten. Und gerade gegenüber der nächste Handabdruck. Liverpool, Merseyside, aus dem Kopf gezeichnet von Stephen Wiltshire, der jede Garantie übernimmt, dass kein Hochhausfenster fehlt. Bei der Canary Wharf Underground Station hat er mit feinem Stift unterschrieben, wie viele Rolltreppenstufen sichtbar sein müssen. Er hat sie nicht gezählt. Er hat sie gesehen. Und was er einmal gesehen hat, das vergisst er nicht. Manche sagen, er sei "Autist". Andere, er sei "geistig zurückgeblieben". Sie machen Experimente mit ihm. Das Kortex-Areal in seinem Hinterkopf ist so berühmt wie die unbeteiligte Gelassenheit, mit der er Hunderte von Gebäuden aus der unversiegenden Erinnerung zeichnet. Es ist wie ein unendlicher Faden, der aus der Hand quillt. Mirakulös und erschreckend in einem. Erst vor diesen Zeichnungen begreift man, was die Krankheit ausmacht. Dass das Auge sammelt und sammelt und nie verliert. Dass der Faden niemals abreißt, dass es nie so ist wie bei Giacometti, der den Faden immer wieder aufnimmt. So taucht die Ausstellung zwischen Zwang und Freiheit hindurch. Und es ist dieselbe Zeichenhand, deren überlegener Sicherheit nicht anzumerken ist, ob sie aus Souveränität stammt oder aus der schieren Not.

Ganz so sicher nun erscheint die Hand des Erich Dittmann nicht. Mag sein, dass es die großen Erschütterungen des bundesrepublikanischen Rechtsbewusstseins gewesen sind, die ihn gelegentlich aus dem linearen Gleis geworfen haben. Günter Guillaume, der Spionageverdächtige, sieht auf der Gerichtszeichnung des Jahres 1979 aus, als sei er gerade zur Moderation einer Ratesendung angetreten. Und auch Andreas Baader haben wir weniger bubenhaft zerzaust in Erinnerung, als ihn sein Porträtist überliefert. Jahrzehntelang hatte Dittmann als akkreditierter Gerichtszeichner die großen Prozesse ausgesessen – Auschwitz, RAF, Bachmeier, Lambsdorff/Friedrichs/Brauchitsch, und man übertreibt kaum, wenn man dem Jugendbuchcharme seiner "Reportagen" eine nicht unbedeutende Verantwortung für das populäre Rechtsbild beimisst.

Es ist in der materialreichen Ausstellung eines der interessantesten Kabinette. Nicht nur, weil es den Zeichner etwas gelangweilt und unterfordert vorführt. Ästhetisch gibt das Tribunal ja nicht allzu viel her. Wenn die Köpfe auf dem Papier sind, irrt der Blick ein wenig ratlos im Saal umher und bleibt an der Wanduhr hängen, die gleich ein nettes Motiv abwirft. Das ist das eine, dass Dittmann bis zwanzig vor zwölf warten musste, bis er eine Uhr zeichnen konnte, die auf zwanzig vor zwölf zeigt. Das andere aber ist viel spannender, dass der Paragraf 169 des Gerichtsverfassungsrechts Bild- und Tonaufnahmen kategorisch ausschließt, während er gegen Mitschreiben und Mitzeichnen nichts einzuwenden hat. Das eine diene dem Persönlichkeitsschutz, das andere dem Öffentlichkeitsbedürfnis. Wieso aber gilt die Zeichnung als weniger persönlichkeitsschutzbedrohend? Ist es vielleicht, weil sie für das ältere, seriösere, auratischere Medium gehalten wird? Was hat sie der Fotografie, dem Film oder dem Video voraus, oder inwiefern ist sie ihnen hinterher? Ist der Hand nicht zuzutrauen, was man von der Kamera erwartet? Und was, wenn im Publikum kein akademischer Schnellzeichner sitzt, sondern ein menschlicher Automat von Wiltshirescher Präzision, der sich seines monströsen Hippocampus mit der gleichen Ungerührtheit bedient, mit der die digitale Kamera ihren Pixelspeicher füllt? Sind wir schon am Ziel der verheißenen Tauchfahrt, wo die heilige Hand auf dem Felsen und die Ausführungsbestimmung der Rechtsordnung zur mythischen Kippfigur werden?