Ich habe einen Traum

Lang Lang, 22, zählt zu den weltbesten Pianisten. Seinen ersten Klavierwettbewerb gewann er mit fünf, und er war der erste chinesische Pianist, der sowohl von den Berliner Philharmonikern als auch den fünf wichtigsten amerikanischen Orchestern engagiert wurde. Eine Live-Aufnahme seines Auftritts in der New Yorker Carnegie-Hall gehörte voriges Jahr zu den bestverkauften Klassik-CDs in Deutschland. Im März erscheint seine Einspielung von Rachmaninows 2. Klavierkonzert. Lang Lang träumt davon, Kinder auf der ganzen Welt an die Musik heranzuführen

Mein Traum begann vor zwanzig Jahren, als ich noch lange nicht imstande war, seine Dimension zu ermessen. Ich war damals zwei Jahre alt. Wir lebten in Shenyang, mit sieben Millionen anderen Menschen, und hatten bereits einen eigenen Fernseher. Eines Tages lief der Cartoon in dem Kater Tom die von Franz Liszt auf einem Piano spielte. Von diesem Moment an wollte ich nur noch eins: Klavier spielen.

Meine Mutter hatte ununterbrochen europäische Klassik gehört, als sie schwanger mit mir war, und brachte mir später das Notenlesen bei. Mein Vater gab mir den ersten Unterricht auf einem Klavier, in das meine Eltern die Hälfte ihres Jahreseinkommens investiert hatten. Mein Vater beherrscht phänomenal die Erhu, die traditionelle chinesische Geige, aber er ist bis heute ein lausiger Pianist. Glücklicherweise entschloss er sich ein Jahr später, mich von einem professionellen Klavierlehrer unterrichten zu lassen.

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Meine Eltern spielten damals das good guy/bad guy- Spiel: Er war der strenge Vater, sie die verzeihende Mutter. Damals lachte mein Vater in meiner Gegenwart so gut wie nie, höchstens in den Ferien. Was für chinesische Verhältnisse nichts Ungewöhnliches ist.

Trotzdem dürfen Sie sich meine Kindheit nicht als Albtraum vorstellen. Natürlich hatte ich weniger Freizeit als andere Kinder meines Alters, aber ich ging wirklich schon als kleiner Junge im Klavierspiel auf. Manchmal, bei extrem langsamen Stücken, fühlte ich mich, als spielte ich Gameboy. Verlor ich mich in Mozart, hüpfte ich innerlich, als spielte ich Gummi-Twist, und bei Tschaikowsky entdeckte ich eine Leidenschaft, die nicht weit entfernt war vom Angriff auf das gegnerische Tor. Ich liebe Fußball und auch Tischtennis sehr. Aber ich habe nicht viel vermisst und mir schon damals kein anderes Leben erträumt.

Als ich mit neun Jahren gemeinsam mit meinem Vater nach Peking ging, um mein Studium an der Zentralen Musikhochschule aufzunehmen, ging zunächst alles schief. Mein Vater hatte seinen Job aufgeben müssen, um in Peking für mich zu sorgen. Doch das Problem waren nicht die alltäglichen Entsagungen – mein Vater und ich hausten in einem winzigen, ungeheizten Zimmer und teilten das Bad mit vier anderen Familien –, mein Problem war meine erste Lehrerin, die mir Talentlosigkeit bescheinigte und mich aus dem Konservatorium schmiss. Weil dieser Eklat sofort die Runde machte, hatten wir große Schwierigkeiten, einen neuen Lehrer zu finden. Gottlob schrieb meine erste Lehrerin aus Shenyang einen Brief an meinen Lehrer in spe, der mich schließlich aufnahm. Doch in den nächsten sechs Monaten war jede Lektion ein Desaster. Ich litt, stand unter ungeheurem Druck. Ich wollte raus aus meiner Haut, nie wieder ein Piano anfassen. Um ein Haar hätte ich alles hingeschmissen, doch dann beschloss ich, allen fortan zu zeigen, was in mir steckt.

Mit 15 ging ich für das weitere Klavierstudium in die USA, um meinen Traum von einer schillernden Pianistenkarriere weiterzuverfolgen. Meine größte Sehnsucht bestand darin, einen eigenen Stil zu finden. Bereits im Alter von fünf Jahren hatte ich davon geträumt, mit den besten Orchestern der Welt zu spielen, den Berliner, den Wiener Philharmonikern. Inzwischen sind diese Träume teils Wirklichkeit geworden, oder sie haben sich in konkrete Pläne für die Zukunft verwandelt. Die Liste ist lang, und trotz der rund hundert Konzerte, die ich pro Jahr gebe, wird sie kaum kürzer. Das klingt nach Höhenflügen. Doch ich glaube, dass ich gegen Hybris gefeit bin, weil ich kontinuierlich an meiner Professionalität und meinem Ausdruck arbeite. Die Angst vor der Gefahr des Erfolges ist mir fremd. Ich lese die Kritiken nicht – wer das täglich tut, verliert seine künstlerische Linie –, aber ich höre auf die Urteile meiner Mentoren.

Der Weg, den meine Karriere bislang nahm, ist großartig, er war gut für mich, für meine Familie, meine Freunde, er bescherte mir Weltläufigkeit und Wohlstand. Aber indem man sich einem bestimmten Publikum öffnet, arbeitet man doch nur für einen kleinen, geschlossenen Zirkel. Seit ich 19 bin, frage ich mich, wie ich mein Talent und meine Zeit für Menschen nutzen kann, die nicht die gleichen Chancen haben wie ich.

Seither träume ich davon, Kinder auf der ganzen Welt an Musik heranzuführen. Mit der Umsetzung dieses Traums habe ich im vergangenen Mai in Tansania begonnen, als ich zum Unicef-Botschafter ernannt wurde. Meine erste Reise nach Ostafrika war ein unvergessliches Erlebnis. Ich besuchte fünf kleine Ortschaften am Fuße des Kilimandscharo. Riesige Fahnen empfingen uns in großen Lettern mit »Welcome, Lang Lang«. Verschiedenste Stämme kamen zusammen, um uns zu begrüßen. Sie kannten keine Kultur außer ihrer eigenen, aber sie waren begierig, unsere kennen zu lernen. Also brachten wir außer Impfstoffen und Moskitonetzen auch europäische und chinesische Musik nach Afrika. Das Klavier dafür liehen wir uns von den Unicef-Kollegen dort. Und mit fast hundert Straßenkindern trommelte ich, bis tief in die Nacht.

Theoretisch bietet das Leben unendlich viele Möglichkeiten. Ich träume davon, dass alle Menschen die Chance bekommen, für sich etwas zu finden, das sie mit der gleichen Leidenschaft erfüllt, die mich durchströmt, sobald ich ein Klavier berühre.

Die Flutkatastrophe hat mir die Verantwortung, die wir tragen, abermals vergegenwärtigt. Für all die Kinder, die überlebt haben, geht es um ihre Zukunft. Werden sie Möglichkeiten finden, irgendwann ihre eigenen Träume zu verwirklichen? Und was können wir als Künstler dazu beitragen?

In Philadelphia, wo ich einen Teil des Jahres verbringe, sehe ich viele energiegeladene Menschen mit viel Potenzial. Sie sehnen sich nach einem angenehmen Leben, aber sie erkennen nicht, dass es dafür nötig ist, einen Traum zu haben, ein Lebensziel, und darauf so direkt und so diszipliniert wie möglich zuzusteuern. Unsere Erziehung in China hielt uns an, die Zeit unserer Bildung nicht zu vergeuden – viel stärker, als das in Deutschland oder in den USA üblich ist. Immer galt: erst die Gemeinschaft, dann man selbst. Und: erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Obwohl die Letzteren beiden bei mir nicht klar voneinander zu trennen sind.

Für mich ist Musik reine Kommunikation. Es ist ein wundervolles Dreieck, die Werke eines großen Komponisten im Zusammenspiel mit einem Orchester an das Publikum weitergeben zu können. So einzigartig und unwiederbringlich wie ein Kuss.

Manchmal bediene ich mich meiner persönlichen Erlebnisse, um mich einem Stück zu nähern. Gewisse Erfahrungen aber habe ich mit meinen 22 Jahren noch nicht gemacht oder bin von ihnen verschont worden. Ich fühle dann Dinge durch die Musik, die ich nie erlebt habe. Das ist das Traumhafte, das ist die eigentliche Magie: Musik ist nicht vom Leben zu trennen.

Das zweite Rachmaninow-Klavierkonzert erzählt von dem tragischen Leid, das der Krieg über die Menschen bringt. Etwas, was ich nie erlebt habe, was mich aber von der ersten Note an in diese Gefühlswelt katapultiert, ähnlich wie auch Filme es schaffen, mich in andere Sphären zu beamen. Gute Musik – Konzerte wie Opern, aber auch Rock ’n’ Roll oder Popmusik – bringt dich stets irgendwohin. Nicht zurück zu den eigenen Wurzeln, nicht dorthin, wo wir am Ende unseres Lebens stehen, aber für Momente in eigene Welten. Nach sehr intensiven Konzerten brauche ich für die Rückkehr in die Realität eine ganze Nacht.

Ich mache mir keine Illusionen, ich führe ein traumhaftes Leben. Doch einer meiner Träume wird für immer ein Traum bleiben: Beethoven dazu bewegen zu können, eine 33. Klaviersonate für mich zu schreiben.

Aufgezeichnet von Andrea Thilo

 
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