usaBereit zum großen Schlag

US-Präsident Bush will die gesetzliche Rente privatisieren. Die Finanzindustrie wittert große Geschäfte, die Alten tragen das Risiko von 

Man merkt es im Voraus, wenn die Politmaschine im Weißen Haus zu einer großen Reform ausholt. Schon seit den Feiertagen bekommen die Amerikaner in Talkshows und von Politikern erklärt, sie können es in Magazinen und in ganzseitigen Anzeigen in der Tagespresse lesen: Die gesetzliche Altersvorsorge stehe kurz vor dem Zusammenbruch. Und es sei höchste Zeit, dass George W. Bush dies verhindere.

Schon am Tag nach seiner Wiederwahl im November, beim ersten Auftritt vor der Washingtoner Presse, hatte der Präsident seinen ehrgeizigsten Plan für die neue Amtszeit angekündigt. "Wir starten jetzt mit der Rente", sagte er. Seit dieser Woche hält Bush Reden zum Thema, trifft landauf, landab mit besorgten Rentnern zu Fototerminen zusammen. Ende Februar will er "grundlegende" Reformpläne für die gesetzliche Altersvorsorge vorlegen, und sie sollen in den Worten seiner Berater zu "einem der wichtigsten konservativen Vorhaben aller Zeiten" geraten. "Wir müssen im öffentlichen Bewusstsein eine Schlüsselinformation verankern", schrieb in der vergangenen Woche Peter H. Wehner, ein politischer Stratege des Präsidenten, in einer publik gewordenen internen E-Mail. "Wir sind auf einem unhaltbaren Kurs. Das muss ins öffentliche Bewusstsein eingebrannt werden."

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"Ein Großteil der betrieblichen Pensionen wird sich in Luft auflösen"

Im Augenblick aber haben die Amerikaner ein ganz anderes Problem mit der Altersvorsorge: Millionen von ihnen brechen die privaten und betrieblichen Pensionen weg. Schuld sind der Börsencrash zur Jahrtausendwende, die jahrelange Niedrigzinspolitik der Notenbank und zum Teil eine lasche Aufsicht des Finanzmarktes. Vor allem die Mittelschicht ist davon betroffen.

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Nur noch etwa 20 Prozent der Angestellten in der amerikanischen Privatwirtschaft können heute mit einer klassischen Betriebsrente rechnen, das heißt einer festgeschriebenen monatlichen Zahlung. Vor zwei Jahrzehnten waren dies noch 40 Prozent, doch seither haben viele Betriebe ihre Pensionszusagen grundlegend geändert. Statt einer festen monatlichen Rente garantieren sie nur noch einen bestimmten Rentenbeitrag. Der entscheidende Unterschied zu der traditionellen Betriebsrente besteht dabei darin, dass nicht mehr das Unternehmen, sondern der Arbeitnehmer das Risiko trägt, wenn Kapitalanlagen weniger Erträge bringen als kalkuliert. Die hauseigenen Pensionskassen etlicher Großunternehmen haben genau aus diesem Grund in den vergangenen Jahren nämlich spektakuläre Defizite angehäuft. Seit Jahren ändern daher viele Unternehmen die Regeln: Da werden die Formeln neu erstellt, nach denen sich künftige Auszahlungen der Pensionen berechnen. Da werden Sondervergütungen gestrichen oder die Beiträge zur Altersrücklage der Krankenversicherungen reduziert. Die Tricks sind vielfältig und häufig kaum zu durchschauen, das Ergebnis ist dramatisch. "Für Millionen amerikanischer Angestellter wird sich ein Großteil ihrer Pensionen in Rauch auflösen", sagte das Wirtschaftsmagazin Fortune kürzlich voraus.

Einige betriebliche Pensionsfonds hat es gar ganz in den Ruin getrieben: In den vergangenen Jahren machten die Stahlhersteller LTV und Bethlehem Steel Schlagzeilen, als sie ihre Pensionsfonds komplett auflösten; in letzter Zeit haben es ihnen verschiedene Fluggesellschaften wie US Airways und TWA gleichgetan.

Ganz ohne Versorgung stehen die Pensionäre in solchen Fällen nicht da. Eine staatlich betriebene und von den Unternehmen finanzierte Versicherung namens Pension Benefit Guaranty Corporation (PBGC) übernimmt in den Vereinigten Staaten bankrotte Pensionsfonds und die Auszahlung der Renten – allerdings nur bis zu einem Maximum von knapp 46000 Dollar pro Jahr und Person. Für manchen Besserverdienenden, etwa für die Piloten von United Airlines, ist das nicht mal die Hälfte der ursprünglich zugesagten Summe. Und auch bei PBGC sind die Finanzen aus dem Lot geraten. Im Washingtoner Kongress wird zurzeit debattiert, ob möglicherweise der Steuerzahler das Defizit der Versicherung decken muss; die Entscheidung könnte schon im Frühjahr fallen. Das PBGC-Defizit beträgt 23 Milliarden Dollar und könnte sich nach einigen Schätzungen in den kommenden 16 Jahren verdreifachen.

Die wachsende Zahl amerikanischer Arbeitnehmer, die ganz ohne Betriebsrente dasteht, ist völlig auf die eigenen Ersparnisse, auf Aktien und Investmentfonds und Anleihen angewiesen – und das war in den vergangenen Jahren ein schlechtes Geschäft. Das Meinungsforschungsinstitut Gallup befragte kürzlich eine Auswahl von Amerikanern, die selber für ihren Ruhestand sparen – die Hälfte sagte, dass ihre Rücklagen zu klein seien und sie daher über das klassische Rentenalter von 65 Jahren hinaus arbeiten würden. Mehr als ein Drittel aller amerikanischen Erwachsenen hat überhaupt kein Geld für die Alterssicherung zurückgelegt.

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