Zum Unwort des Jahres 2004 ist der Ausdruck "Humankapital" gewählt worden. Das ist, vorsichtig gesagt, wenig plausibel. Zum ersten ist das Wort keine Erscheinung des letzten Jahres; es ist schon seit längerem im Umlauf. Zum anderen hat das Wort nur auf den ersten Blick die zynische Pointe einer Gleichsetzung von Menschen und Kapital. Auf den zweiten Blick erkennt man, dass hier eher der Betrachtungswinkel geändert wird: Auch Menschen lassen sich als Kapital ansehen. Das hieße aber gerade nicht, die Menschen schlecht zu behandeln, sondern sie besonders gut und schonenend zu behandeln, eben weil sie Kapital sind, von dem man bekanntlich hofft, dass es sich verzinst, und das man deswegen nicht verschleudert.Die Juroren des Unwortes dachten wohl, dass in der Prägung "Humankapital" der Mensch auf seinen wirtschaftlichen Wert reduziert, also herabgesetzt wird. In der Logik des Kapitalismus bedeutet der wirtschaftliche Wert aber keine Herabsetzung, sondern eine Aufwertung. Die Juroren, falls sie mit der Wahl ein antikapitalistisches Bekenntnis ablegen wollten, kennen ihren Gegner schlecht. Der Marxismus hat die Perfidie des Kapitalismus immer darin gesehen, dass er den Gegensatz von (menschlicher) Arbeit und Kapital zu Gunsten des Kapitals löst. Der Begriff "Humankapital" löst den Gegensatz aber anders auf. Auch die Arbeit ist Kapital, mehr noch, schon die Menschen, selbst wenn sie nicht arbeiten, sind Kapital, sozusagen totes, nämlich nicht arbeitendes Kapital. So wie aber das Kapital immer arbeiten (und nicht etwa als Geld unter dem Kopfkissen liegen) soll, so müsste in dieser Perspektive auch der Mensch arbeiten, und nicht etwa auf der Straße bleiben.Anders gesagt: Der Begriff "Humankapital", weit davon entfernt, menschenverachtend zu sein, enthält einen Appell an die Kapitalisten, endlich aufzuwachen, die Menschen ebenfalls als Kapital zu betrachten und also arbeiten zu lassen. Mehr noch: Die Menschen sollten genauso pfleglich behandelt werden wie das Kapital, auch sie sollen sich entwickeln, größer und stärker werden."Humankapital" ist also ein utopischer Begriff, er übersetzt nur die marxistische Hoffnung auf Befreiung des Arbeiters in eine Sprache, die auch der Kapitalist versteht. Sei nicht dumm, sagt der Begriff zum Kapitalisten, lass den Menschen nicht verwahrlosen, wenn Du ihn so gut behandelst wie deine Fabriken und Aktiendepots, dann werdet ihr beide etwas davon haben. Dieser pädagogische Appell hat vielleicht etwas Illusorisches, aber zur Utopie gehört nun einmal die Illusion ihrer Umsetzbarkeit.