Wahlen sind immer gut, das sieht man an den Schweizern. Die wählen so oft wie kein anderes Volk, und keinem geht es besser. Also ist es doch wunderbar, dass die Iraker am 30. Januar wählen dürfen. Schweizer werden die Iraker dadurch nicht, aber ein erster Schritt zur glücklichen Verschweizerung ist getan.

Einen großen Schritt in die Freiheit wird US-Präsident George W. Bush die Wahl nennen und sie mit gehörigen Klimbim begleiten lassen. Die Freiheit der Iraker ist ihm eng ans Herz gewachsen, seit die Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins nicht gefunden werden konnten. Sie schützt ihn vor allerlei Vorwürfen.

Es lässt sich ja nichts einwenden gegen die Meinung, dass Menschen frei sein, dass sie wählen sollen. Es ist nur leider so, dass auch die Freiheit eine Idee ist, die in der Gegenwart bestehen muss, und Wahlen finden auch nicht in einem luftleeren Raum statt, das gilt sogar für die Schweiz.

Damit sind wir im Irak, im Krieg. Sollen die Iraker die Möglichkeit bekommen, am 30. Januar an die Urne zu gehen oder nicht?

Bevor man eine Antwort gibt, sollte man die Iraker konsultieren. Wer dies will, wird freilich kaum einen Iraker finden, sondern Schiiten, Sunniten, Kurden. Leider ist das irakische Volk in diese Großgruppen zerfallen. Das ist nicht seine Schuld, sondern eine Folge von Diktatur, Besatzung und Krieg. Die Macht im Irak gründet auf Teilung, das ist die Tragödie dieses Landes.

Wahlen sind dazu da, Spaltungen zu überwinden. Im Prinzip also könnten sie im Irak die Macht neu, diesmal demokratisch begründen. Dafür aber müssen möglichst alle mitmachen. Genau das ist nicht der Fall. Ein Großteil der Sunniten wird nicht wählen gehen, weil viele ihrer Führer zum Boykott aufgerufen haben. Viele, sehr viele Sunniten werden zu Hause bleiben, weil sie verständlicherweise nicht ihr Leben riskieren wollen, um ihre Stimme abzugeben. Und selbst die Entschlossensten werden sich abschrecken lassen, wenn sie etwa die Nachricht vernehmen, dass die Wahlkommission der drittgrößten Stadt des Iraks, Mossul, zurückgetreten ist. Sunniten werden nicht wirklich in der zu wählenden Nationalversammlung vertreten sein. Das wird der Gewalt noch mehr Nahrung verschaffen, da sie ohnehin schon auf das sunnitische Dreieck konzentriert ist. Wahlen verschärfen den Krieg, jedenfalls zurzeit. Wird die Wahl verschoben, bricht eine andere Front auf, die schiitische – und die hat größte Sprengkraft im Irak. Ali al-Sistani, der geistliche Führer der Schiiten, fordert seit dem Sturz Saddam Husseins Wahlen. Das ist verständlich. Er kann nämlich damit rechnen, dass die Schiiten aufgrund ihrer Bevölkerungsmehrheit zur dominierenden politischen Kraft werden. Al-Sistani ist kein Heißsporn. Er war es, der versuchte, eine Große Koalition zwischen allen Gruppen des Iraks zusammenzuschmieden. Gelungen ist ihm das nicht. Viele Iraker misstrauen ihm. Was al-Sistani wirklich beabsichtigt, wenn einmal die Wahl gewonnen ist, weiß niemand zu sagen. Vielleicht will er aus dem Irak eine Theokratie machen, vielleicht auch nicht. Der Zweifel allein reicht, dass er als Gefahr wahrgenommen wird. Er und seine Schiiten als Herren des neuen Iraks – auch das würde den Krieg anheizen.

Jede Entscheidung im Irak wird blutige Folgen haben. Eine Verschiebung der Wahlen ist das kleinere Übel, mehr ist es nicht. Zumindest aber besteht die Chance, dass die Sicherheitslage sich bessert, dass die Sunniten dem neuen Staat vertrauen können und die Schiiten Geduld entwickeln, bevor sie sich in das gefährliche Abenteuer Wahlen stürzen.