Es hat keinen Bundespräsidenten gegeben, der an der Machtlosigkeit seines Amtes nicht gelitten hätte. So viel Ansehen und so wenig zu sagen. Immer nur reden dürfen, ohne wirkliche Mitsprache. Das kann einen ambitionierten Menschen in die Krise treiben. Deshalb versucht jeder Präsident, unter dem Zaun durch zu grasen - so hieß es früher, als das Staatsoberhaupt noch in der Villa Hammerschmidt, gleich neben dem Kanzler residierte. Der gezielte Konflikt, wenigstens die verlässliche Missstimmung gehören seit je zu dieser Beziehungskiste. Die Amtszeit von Horst Köhler ist noch zu jung, um diesbezüglich schon klare Einblicke zu bieten. Aber erste Facetten sind erkennbar. Da war das Projekt 3. Oktober, das der Präsident dem unbedachten Kanzler per offenen Brief aus den Händen schoss. Zuvor schon hatte sich Köhler zum Reformer promoviert, der über das bisherige Klein-Klein mächtig hinauszugreifen gedenke. Als die Föderalismusreform scheiterte, brachte er sich als präsidialer Vermittler - oder Macher? - ins Spiel. Dann kam die Flut, und es war der Präsident, der sich einen Tag vor Schröders Neujahrsansprache ans Fernsehvolk wandte. In Kreisen der Bundesregierung wird behauptet, da habe er das Manuskript des Kanzlers bereits gekannt.

Vielleicht sind das Kleinigkeiten, Stilfragen, Rangeleien, die beim ersten Ausmessen des Amtes anfallen. Wären da nicht die Gerüchte, der Präsident überlege nun, das Luftsicherheitsgesetz nicht auszufertigen, das ihm seit dem 2. November zur Unterschrift vorliegt. Darf der Staat ein Flugzeug mit unschuldigen Menschen abschießen lassen, wenn es von Terroristen dazu benutzt werden soll, eine noch viel größere Anzahl von Menschen zu töten? Prominente Liberale wie Burkhard Hirsch haben ihre verfassungsrechtlichen Zweifel an einer solchen staatlichen Ermächtigung formuliert. Die Grünen haben dem Gesetz zugestimmt. Nun prüft der Präsident, wie sein Sprecher bestätigt. Es wäre ein ziemliches Politikum, wenn er seine Unterschrift verweigern würde.

Ein Paukenschlag. Eine Verfassungskrise? Die Rolle des machtlosen Repräsentanten wäre er damit fürs Erste los. Er wäre dann eher eine Art präsidialer Draufgänger. Ob er sich das zutraut? Gebannter jedenfalls hätte das Land kaum je auf einen Neuen im Präsidentenamt geblickt. Obwohl bislang im Konflikt mit dem Kanzler noch jeder Präsident den Kürzeren zog.