Kino Wenn die Zeit erstarrt
Wong Kar-wais grandioses Filmgedicht »2046« beschwört entschwundene Gefühle und verlorene Lieben
Das Dehnen und Zersplittern des Augenblicks: Zhang Ziyi und Tony Leung in »2046«
Foto: Prokino
Dies ist die Geschichte eines Scheiterns. Eines Scheiterns, das so mutig und maßlos ist, so stolz und selbstvergessen, dass es eines der verrücktesten Kinoprojekte der letzten Jahre hervorgebracht hat.
In seinem Film 2046 hat sich der Regisseur Wong Kar-wai in der eigenen Vision verstrickt. Über fünf Jahre hinweg hat er versucht, den ultimativen Liebesfilm zu drehen, ein Werk, in dem das Gefühl zum Bild wird, freischwebend und losgelöst von allem narrativen und dramaturgischen Ballast. Ein Film, der da beginnt, wo das Erzählen aufhört und in dem das Kino zu sich selbst findet.
Bereits in Wong Kar-wais früheren Filmen gab es jene unglaublichen Bilder, deren Stimmungen, Atmosphären, Gefühlszustände die Geschichte durchdringen. Sehnsüchtige Tableaus wie der Tango des schwulen Paares, das in Happy Together verzweifelt versucht, eine Liebe zu retten, von der beide wissen, dass sie schon vorbei ist. Im Gedächtnis bleiben die beiden schmächtigen Hongkong-Chinesen, die in einer kahlen Wohnküche in Buenos Aires den Tanz der Leidenschaft tanzen, in Badelatschen und auf zersprungenen Kacheln. Oder der verlassene Polizist in dem neongrellen Hongkong-Film Chungking Express. Hilflos hoffend, türmt er in seiner Wohnung Konservendosen auf, die allesamt am 1. Mai verfallen – dem Tag, an dem er die Geliebte zurücksehnt. Oder auch das eng anliegende Kleid von Maggie Cheung in In the Mood for Love. In der Erinnerung des Geliebten wird es stets von anderen, wilden Blütenmustern überzogen. Immer und immer wieder begegnen sich die beiden auf dem Korridor eines hellhörigen Mietshauses. Mit der Musik von Nat King Cole verschmelzen ihre Schritte zur Choreografie einer Liebe ohne Raum.
Menschen, die in Zeitlupe rauchen, Tränen, die in Großaufnahme über die Wange fließen, vergebliches Begehren, verschleierte Blicke – das sind die Bilder, aus denen Wong Kar-wai seine melodramatischen Balladen komponiert. Trotz ihres tiefen Anlehnungsbedürfnisses leben seine Figuren im Rhythmus des ewigen Aneinandervorbei, wie gezogen von einem Sog großer, geheimnisvoller Gefühle.
Allerdings birgt die sich selbst genügende Sehnsucht, die Anbetung eines Augenblicks, der nur kostbar ist, weil er unwiderbringlich bleibt, auch die Gefahr einer gewissen Redundanz. Man kann sich darüber streiten, ob Wong Kar-wais Filme einfach traurig, melancholisch oder sentimental sind. Ob sie kathartische Schmerzensarbeit betreiben, im ausweglosen Kreisen um die verlorene Liebe gefangen sind oder ob sie sich mit einem gewissen Masochismus an der Vergänglichkeit des Empfindens berauschen.
Wong Kar-wais neuer Film ist zweifellos sein bisher sentimentalster. Und doch zelebriert er den nostalgischen Blick zurück auf eine derart kompromisslose, leidenschaftliche Weise, dass man noch lange nach dem Kinobesuch eine gewisse Verachtung für all die albernen, glücklich funktionierenden Lieben der Gegenwart empfindet.
2046 schwebt im seltsam zeitlosen Raum einer erinnerten Präsenz. Er versucht den Gefühlszustand eines Mannes zu beschreiben, der alles hinter sich hat, die eine große Liebe, die Hoffnung, das Glück. Hongkongs Starschauspieler Tony Leung spielt ihn mit sanfter Stimme und einem ironischen Lächeln unter dem verführerischen Menjou-Bärtchen. Chow Mo-wan ist ein Schriftsteller, Dandy und Schreiber von Schundromanen, der sich in einem Hotelzimmer eingemietet hat, um an einem Science-Fiction zu arbeiten. Während des Schreibens tauchen die Lieben seines Lebens auf, vielleicht sind es auch drei Seiten der einen verlorenen oder nie gefundenen Traumfrau. Wir sehen Gong Li als geheimnisumwitterte Spielerin mit dunkler Vergangenheit und schwarzem Handschuh. Abgeklärt und verführerisch, scheint sie einem Fortsetzungsroman entstiegen, eine ewige Femme fatale, die grußlos und mit kussverschmiertem Mund in der Nacht verschwindet. Die junge Bai Ling (Zhang Ziyi) bricht wie eine laszive Amazone in Chows Leben ein. Zwischen Verführung und Abweisung, Stolz und Unterwerfungsritualen liefern sich die beiden einen Geschlechterkampf, den der Lebemann mit gnadenloser Eleganz gewinnen wird. In der dritten Episode entwickelt sich eine zart erotisierte Kameradschaft zwischen Chow und Wang (Faye Wong), der Tochter des Hotelbesitzers, bei der Chow in stiller Größe das Feld für den Konkurrenten räumen wird. Gemeinsam mit Wang arbeitet Chow an seinem Buch, dem titelgebenden Science-Fiction 2046 , der in einer kalten, zugigen Megalopolis spielt und doch wieder auf die alten Liebesgeschichten zurückweist. In 2046 überlagern sich die Jahrzehnte zu einer ästhetisierten Über-Zeit. Es gibt keine Gegenwart jenseits der Erinnerung, und die Zukunft präsentiert sich als retrofuturistisches Kinogebilde. Der Held, ein Playboy-Typus der Zwanziger, lebt in den Sechzigern und schreibt über das neue Jahrtausend, in dem die Zeit erstarrt und die Verstorbenen als Androiden weiterleben.
Im Grunde ist 2046 ein proustscher Film. Ein verzweifelter Wettlauf mit den zerrinnenden Sekunden eines Lebens, der Versuch, die verlorene Vergangenheit zurückzurufen, als magischen Augenblick zu beschwören und im Bild festzuhalten. Aus Chows Erinnerungen entspinnt sich ein Bilderreigen im Modus der unerfüllten Sehnsucht. Dass darin alles schon vorbei, unerreichbar, vergangen und zerronnen scheint, verleiht diesem Film eine schier unerträgliche Melancholie. Bei Wong Kar-wai wird das Kinobild buchstäblich zur konservierten Zeit, zu einer bis zum puren Ästhetizismus ausgedehnten Feier des Moments, der schon entschwunden ist im Augenblick des Betrachtens. Flüchtig wie die Blicke, die Chow Mo-wan seinen Nachbarinnen auf dem engen Hotelflur zuwirft. Flüchtig wie die hochhackigen Schritte, die am Ende des Flures verhallen, die Geräusche des flirtenden Paares nebenan oder wie der Zigarettenrauch, der sich langsam ins gelbliche Licht der Lampe schlängelt.
Ähnlich wie sein Held verharrt auch der Film in einer Zeitschleife. Er verachtet den Plot, folgt der Logik des Traums, der Assoziation, ist eher Elegie als Geschichte. Mit seinen wie von innen heraus leuchtenden Bildern, den warmen, vom Schleier der Erinnerung überzogenen Farben, dem Auf und Ab der Gefühle, dem ständigen Wechsel von Leidenschaft und Abschied wirkt er wie ein in sich verschlungenes Liebesgedicht, ohne Beginn und ohne Ende, poetologisch unbegrenzt. Tatsächlich folgt 2046 keiner Struktur und keiner Chronologie außerhalb seiner selbst. Er bleibt ein offener Film, dessen Sehnsuchtstableaus ewig weiterpulsieren könnten. Darin liegt seine Stärke und seine größte Schwäche. Man kann auch von einer gewissen Stagnation sprechen.
Anders als die Liebes- und Glückssucher, die stillen Verehrer und Hongkong-Drifter aus Wong Kar-wais früheren Filmen, sind die Figuren in 2046 kaum mehr in Bewegung. Wenn sie nicht gerade an Restaurant- und Spieltischen sitzen, dann liegen sie in den engen Zimmern ihres Hotels, telefonieren, starren selbstvergessen an die Decke oder belauschen einander eifersüchtig durch die dünnen Wände. So wird das Hotel zu einer Art Gefühlsgefängnis, einem wunderbar ausgeleuchteten Liebescontainer, dessen Insassen auf die immergleichen Gesten und Impulse zurückgeworfen sind. Man wird das Gefühl nicht los, dass sich hier auch ein Regisseur eingesperrt hat – in pure Melancholie und altvertraute Manierismen, in eine Ästhetik, die Verlust und Verzicht bis zum Exzess zelebriert.
2046 ist alles im Extrem: Virtuosität der Form und Sehnsucht nach der Sehnsucht, elegisch flankiert von Belcanto-Arien und sanften Rumba-Klängen. Ein Film, der sich Science-Fiction nennt und in die kalten Riesenstädte des Jahres 2046 blickt, dessen Herz aber in einem alten Hotel, zwischen vergilbten Wänden und zerwühlten Liebeslaken schlägt. Das Werk eines Regisseurs, der fünf Jahre lang an seiner Apotheose gearbeitet hat und sich dabei treuer geblieben ist, als er je zu ahnen wagte. »Der Mensch«, schreibt Proust in seiner Suche nach der verlorenen Zeit, »ist das Wesen, das die anderen nur in sich selber kennt, das nicht aus sich heraus kann und lügt, wenn es das Gegenteil behauptet.« Vielleicht musste Wong Kar-wai diesen Film der Filme drehen, um zu erfahren, dass er doch wieder bei einer Quintessenz seiner bisherigen angekommen ist. Vielleicht ist 2046, diese großartige, seltsam gescheiterte, sentimentale Gefühlsmaschine, letztlich ein Werk der Selbsterkenntnis. Eine riesige Zentrifuge der Gefühle, die nicht stillstehen will, weil in ihrem Mittelpunkt ein Regisseur verzweifelt nach neuen Bildern suchte. Jetzt, da er weiß, dass man in der proustschen Spirale sowieso immer wieder zu sich selbst gelangt, wird er sie wohl finden.
- Datum 24.11.2010 - 18:19 Uhr
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- Serie film
- Quelle (c) DIE ZEIT 13.01.2005 Nr.3
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