Kino Wenn die Zeit erstarrtSeite 2/2
Im Grunde ist 2046 ein proustscher Film. Ein verzweifelter Wettlauf mit den zerrinnenden Sekunden eines Lebens, der Versuch, die verlorene Vergangenheit zurückzurufen, als magischen Augenblick zu beschwören und im Bild festzuhalten. Aus Chows Erinnerungen entspinnt sich ein Bilderreigen im Modus der unerfüllten Sehnsucht. Dass darin alles schon vorbei, unerreichbar, vergangen und zerronnen scheint, verleiht diesem Film eine schier unerträgliche Melancholie. Bei Wong Kar-wai wird das Kinobild buchstäblich zur konservierten Zeit, zu einer bis zum puren Ästhetizismus ausgedehnten Feier des Moments, der schon entschwunden ist im Augenblick des Betrachtens. Flüchtig wie die Blicke, die Chow Mo-wan seinen Nachbarinnen auf dem engen Hotelflur zuwirft. Flüchtig wie die hochhackigen Schritte, die am Ende des Flures verhallen, die Geräusche des flirtenden Paares nebenan oder wie der Zigarettenrauch, der sich langsam ins gelbliche Licht der Lampe schlängelt.
Ähnlich wie sein Held verharrt auch der Film in einer Zeitschleife. Er verachtet den Plot, folgt der Logik des Traums, der Assoziation, ist eher Elegie als Geschichte. Mit seinen wie von innen heraus leuchtenden Bildern, den warmen, vom Schleier der Erinnerung überzogenen Farben, dem Auf und Ab der Gefühle, dem ständigen Wechsel von Leidenschaft und Abschied wirkt er wie ein in sich verschlungenes Liebesgedicht, ohne Beginn und ohne Ende, poetologisch unbegrenzt. Tatsächlich folgt 2046 keiner Struktur und keiner Chronologie außerhalb seiner selbst. Er bleibt ein offener Film, dessen Sehnsuchtstableaus ewig weiterpulsieren könnten. Darin liegt seine Stärke und seine größte Schwäche. Man kann auch von einer gewissen Stagnation sprechen.
Anders als die Liebes- und Glückssucher, die stillen Verehrer und Hongkong-Drifter aus Wong Kar-wais früheren Filmen, sind die Figuren in 2046 kaum mehr in Bewegung. Wenn sie nicht gerade an Restaurant- und Spieltischen sitzen, dann liegen sie in den engen Zimmern ihres Hotels, telefonieren, starren selbstvergessen an die Decke oder belauschen einander eifersüchtig durch die dünnen Wände. So wird das Hotel zu einer Art Gefühlsgefängnis, einem wunderbar ausgeleuchteten Liebescontainer, dessen Insassen auf die immergleichen Gesten und Impulse zurückgeworfen sind. Man wird das Gefühl nicht los, dass sich hier auch ein Regisseur eingesperrt hat – in pure Melancholie und altvertraute Manierismen, in eine Ästhetik, die Verlust und Verzicht bis zum Exzess zelebriert.
2046 ist alles im Extrem: Virtuosität der Form und Sehnsucht nach der Sehnsucht, elegisch flankiert von Belcanto-Arien und sanften Rumba-Klängen. Ein Film, der sich Science-Fiction nennt und in die kalten Riesenstädte des Jahres 2046 blickt, dessen Herz aber in einem alten Hotel, zwischen vergilbten Wänden und zerwühlten Liebeslaken schlägt. Das Werk eines Regisseurs, der fünf Jahre lang an seiner Apotheose gearbeitet hat und sich dabei treuer geblieben ist, als er je zu ahnen wagte. »Der Mensch«, schreibt Proust in seiner Suche nach der verlorenen Zeit, »ist das Wesen, das die anderen nur in sich selber kennt, das nicht aus sich heraus kann und lügt, wenn es das Gegenteil behauptet.« Vielleicht musste Wong Kar-wai diesen Film der Filme drehen, um zu erfahren, dass er doch wieder bei einer Quintessenz seiner bisherigen angekommen ist. Vielleicht ist 2046, diese großartige, seltsam gescheiterte, sentimentale Gefühlsmaschine, letztlich ein Werk der Selbsterkenntnis. Eine riesige Zentrifuge der Gefühle, die nicht stillstehen will, weil in ihrem Mittelpunkt ein Regisseur verzweifelt nach neuen Bildern suchte. Jetzt, da er weiß, dass man in der proustschen Spirale sowieso immer wieder zu sich selbst gelangt, wird er sie wohl finden.
- Datum 24.11.2010 - 18:19 Uhr
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- Serie film
- Quelle (c) DIE ZEIT 13.01.2005 Nr.3
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