Der Prinz und das Hakenkreuz - Wie töricht, wie unsensibel, wie empörend. Rund um den Globus wird der 20-jährige Sprössling des britischen Thronfolgers für sein Partykostüm verdammt, von früheren Soldaten, dem Staate Israel und nicht zuletzt jenen Presseorganen, die das Bild, aufgenommen auf einem privaten Fest, genüsslich rund um die Welt verbreiteten. Völlig zu Recht hat Prinz Charles seinem Sohn die Leviten gelesen. Selbst ein rebellischer 20-Jähriger sollte wissen, dass es Grenzen des Geschmacks gibt, die ein Prinz auf keinen Fall überschreiten darf. Wobei Harry von Glück sagen kann, dass den Gesundheitsaposteln entgangen zu sein scheint, dass der Dritte in der Linie zum Thron auf dem inkriminierten Bild auch noch einen Glimmstengel in der Hand hält. Am Hof wird man erleichtert registriert haben, dass es sich dabei offenkundig nicht um einen Joint handelte, den Harry in der Vergangenheit zu schätzen wusste. Wie so viele seiner Altersgruppe.

Mit der unverzüglichen Entschuldigung, die Harry durch den Palast abgab, sollte der Fall abgeschlossen sein. Den Prinzen zu einer weiteren öffentlichen Erklärung des Bedauerns zu zwingen, wie das britische Oppositionspolitiker fordern, ginge zu weit. Ein geschmacklicher Ausrutscher würde zu einer Staatsaffäre hochstilisiert. Das wäre völlig unangemessen, wie sehr man auch die Empörung empörter Kriegsveteranen und vor allem jüdischer Kreise nachvollziehen kann. Zudem würde mit einer Erklärung vor Mikrofonen und Kameras genau jener Zirkus fortgesetzt, den die Medien in ihrer bekannten Mischung aus Hype und Heuchelei nur allzu gerne kreieren. Deshalb wird Prinz Charles seine beiden Söhne gewiss nicht zu einer öffentlichen Visite nach Auschwitz schicken. Der moralische Anschauungsuntericht, den sich Charles von der direkten Konfrontation mit dem Grauen des Holocaust erhofft, wird irgendwann unter Ausschluss der Medien von statten gehen.

Eines war Harrys Kostümwahl sicher nicht, nämlich ungewöhnlich. Einschlägige Geschäfte bieten überall in Großbritannien einen reichen Vorrat an Nazi-Utensilien an, vom Braunhemd bis zur smarten SS-Uniform. Es gibt eben eine rege Nachfrage nach solchen Kostümen. Die britische Populärkultur ist gesättigt mit den Bildern der Nazizeit. Witze zu reißen über die Nazis, ist seit vielen Jahren ein unverzichtbarer Bestandteil der Unterhaltungskultur. Vieles davon ist amüsante Satire, wie etwa die Fernsehserie „Allo, Allo“, die alle durch den Kakao zieht: französische Resistance, Wehrmacht, Gestapo und britische Luftwaffe.

John Cleese’s Auftritt in der ergötzlichen Fernsehserie Fawlty Towers, in der er vor deutschen Hotelgästen im Stechschritt aufmarschiert, ist zu Recht ein beliebter Dauerbrenner und schuf den stets wirkungsvoll einsetzbaren Scherz „don’t mention the war“. Im Westend läuft derzeit mit großem Erfolg das Musical „Springtime for Hitler“. Selbst über das Grauen und seine Schergen zu lachen, ist notwendig und kann heilsam sein.

Deutsche Stimmen versuchen nun zumindest eine indirekte Verbindung herzustellen zwischen der Affäre um „Harry, den Nazi“ (so die Sun auf ihrer Titelseite) und der traurigen Tatsache, dass antideutsche Gefühle unter jungen Briten weiter verbreitet sind als unter den älteren Generationen. Die Briten, so heißt es, seien besessen vom Zweiten Weltkrieg und Hitlerdeutschland.

Der Vorwurf ist nicht völlig ungerechtfertigt. Nur darf man nicht übersehen, dass sich ein ähnlicher gegen die Deutschen erheben ließe, wenn auch auf völlig andere Weise. Wir haben uns, durchaus verständlicherweise, über Jahrzehnte hinweg mit der empört-moralischen Aufarbeitung des dunkelsten Kapitels unserer Vergangenheit aufs Intensivste beschäftigt. Die Briten, die sechs Jahre lang im Krieg gegen Nazideutschland standen und ihre Freiheit verteidigen konnten, gedenken dieser Periode mit Gefühlen des Stolzes und in der Gewissheit, auf der Seite des Rechtes und der Moral gestanden zu haben. Das macht einen Unterschied, auch wenn man die Frage stellen darf, ob es nicht ratsam wäre, an britischen Schulen den Blick auch auf das moderne demokratische Deutschland zu lenken, das nun schon seit vielen Jahrzehnten existiert, und es im Unterricht nicht nur bei der Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust zu belassen. Ein Thema, das deutsche Diplomaten immer wieder ansprechen, auch wenn der Erfolg, der solchen Interventionen bislang beschieden war, eher bescheiden geblieben ist.