England Wenn sich ein Prinz als Jugendlicher verkleidetSeite 2/2
Das negative Bild von Deutschland bei jungen Briten ist der entscheidende Grund dafür, dass es immer wieder zu jenen bedauerlichen Konfrontationen kommt, über die junge Deutsche nach ihrem England-Aufenthalt erzählen. Es ist der kumulative Effekt verschiedenener Faktoren, der zu diesem betrüblichen Zustand führt die omnipräsenten Witze über die Krauts, die endlosen Kriegsfilme und Fernsehserien über die Nazizeit, die martialische Sprache der Massenblätter zu Fußballspielen, die weitverbreitete jugendliche Ignoranz über das moderne Deutschland. All das verband sich mit den Gefühlen tiefen Unbehagens, ja der Angst, die nach der Wiedervereinigung Deutschlands in allen Ländern Europas auszumachen war und die in Großbritannien auch die im Stillen gehegte Auffassung öffentlich machte, die Deutschen seien womöglich instabil und besonders anfällig fürs Böse. Solche Stimmen waren während der 90er Jahre in linken wie konservativen Kreisen offen zum Ausdruck gebracht worden. Die Autorin Martha Gellhorn sprach davon, dass bei den Deutschen womöglich ein Gen locker sitze.
Just in dieser bewegten Zeit, in der Schlagzeilen die Angst vor einem Vierten Reich signalsierten, wurde an den britischen Schulen ein neuer nationaler Lehrplan eingeführt, der die Behandlung des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust in allen Altersgruppen vorsah. Hollywood lieferte mit Filmen wie Spielbergs Schindlers Liste oder Private Ryan das Begleitmaterial zum Unterricht, das Lehrer dankbar aufgriffen - lässt sich doch die Videogeneration von Schülern leichter unterrichten, wenn man auf bewegte Bilder zurückgreift. Nicht weiter überraschend also, dass sich in den Köpfen junger Briten ein eher unfreundliches Bild von den Deutschen eingebrannt hat; ein Bild, das nicht leicht zu ergänzen oder gar zu korrigieren ist.
Prinz Harrys gedankenloser Umgang mit dem Hakenkreuz, das in unserer Zeit zum Symbol des Bösen schlechthin geworden ist, mag so betrachtet die Gemütsverfassung seiner Generation widerspiegeln. Wenn sein Vater nun anordnet, er solle sich Schindlers Liste anschauen, um ein Gefühl für die Geschmacklosigkeit seines Kostüms zu gewinnen angesichts der Realität der Judenvernichtung, mag das durchaus fruchten. Doch dürfte es nicht dazu führen, dass Deutschland in einem helleren Licht erscheint. Der heranrückende Tag des nationalen Gedenkens an den Holocaust wie die Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz werden die Welt erneut an die Untaten erinnern, die mit dem deutschen Namen verbunden sind. An dieser Tatsache wird sich auf lange Zeit hin nichts ändern. Damit muss man sich in Deutschland abfinden - wie sehr wir uns auch wünschen mögen, die Briten wie andere Nachbarvölker mit weniger hektischen Medien würden weniger oft in die Vergangenheit zurückschauen.
- Datum 29.02.2008 - 11:34 Uhr
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