Der Hamburger Stadtteil Rothenburgsort ist nicht besonders anheimelnd. Gleichförmige Bürohäuser wechseln sich ab mit Mietskasernen, deren Fassaden schon lange keinen neuen Anstrich gesehen haben. Rund um den Bahnhof gibt es Billigsupermärkte mit vergitterten Schaufenstern. Dort kaufen sich Lastwagenfahrer und Bauarbeiter ihr Pausenbier. Ein paar Meter weiter in einem alten Industriegebäude befindet sich der Tempel der größten Hindu-Gemeinde Norddeutschlands, zu erkennen an einem Schild und einer ausgefransten roten Fahne auf dem Dach - und Dutzenden Schuhen im Eingangsbereich. Dort leben die hinduistischen Götter Wishnu und Shiva in einem Lagerhallenambiente im ersten Stock. 2.000 Gemeindemitglieder bringen ihnen regelmäßig Opfergaben in Form von Blumen und Früchten.Unten im Gemeindesaal gibt es Tee. Schaumstoffmatten mit blauen Bezügen laden zum Verweilen ein. Ein paar Frauen in bunten Gewändern und Schleiern haben sich dort zum Plauschen niedergelassen. In der Mitte des Raumes steht eine große verschlossene Holzkiste - "für die Opfer der Katastrophe in Asien" hat jemand in großen Buchstaben auf ein geklebtes Plakat geschrieben."Die Kollekte ist noch nicht ausgezählt", sagt Debasin Samanta, Sprecher der Hindu-Gemeinde. Viele der Gläubigen kämen aus Afghanistan und hätten keine Opfer in der Region der Flutkatastrophe zu beklagen. "Rund 50.000 Hindus und Buddhisten haben in Indien, Thailand und auf Sri Lanka den Tod gefunden. Das ist ein Riesenverlust. Deshalb wird bei uns gespendet und gesammelt - auch wenn Naturkatastrophen zum Schicksal gehören und somit unausweichlich sind", so Samanta.Demut gegenüber der Natur sei ein wichtiges Kennzeichen von Buddhismus und Hinduismus, im Gegensatz zum Christentum, wo sich Gott die Erde und ihre Wesen Untertan mache. Dass Asiaten es verstehen, gelassener mit Tod und Schrecken umzugehen, hänge mit ihrem fatalistischen Weltbild zusammen. Die brahmanische Mythologie sei mit der Dialektik von Werden und Vergehen, wie sie im Gegensatzpaar der Götter Wishnu, Erhalter und Shiva, Zerstörer verwoben sei, vertraut."Das soll nun nicht heißen, dass deshalb in den betroffenen Ländern aus hinduistischen Glaubensgründen keine Frühwarnsysteme installiert wurden", betont der Sprecher. Das Fehlen solcher Einrichtungen sei eher auf die dort vorherrschenden politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse zurückzuführen. "In Indonesien und Sri Lanka bestimmen eher Kriegshandlungen die Gedanken der Menschen, lassen ihnen keinen Raum für andere lebenswichtigere Bereiche", vermutet Samanta. Thailand werde von der Tourismus-Industrie beeinflusst. "Die Wirtschaft sieht immer nur die schnelle Profitgier und nicht das Leiden des Einzelnen. Das klage ich an." Weiterhin befürchtet Debasish Samanta, dass die Hilfsbereitschaft für die Flutkatastrophenopfer mit der Zeit abflauen könnte. "Ich hoffe, dass die Sensibilität für das Leid der Menschen nicht verloren geht."