Karl-Heinz Frank steht zwischen Paletten voller Hilfspakete auf dem Rollfeld des Flughafens von Banda Aceh. Hinter ihm lassen zwei Hercules-Transporter der singapurischen Air Force die Propeller heulen. "Eine solche logistische Herausforderung", brüllt Frank in den Lärm, "hat die Welt noch nicht gesehen." Der Frankfurter erkundet für die Hilfsmission der Vereinten Nationen, die United Nations Disaster Assessment and Coordination, wohin welche Hilfe am schnellsten zu bringen ist. Eines seiner Teams will heute in Meulaboh eintreffen, einer Küstenstadt etwa zweihundert Kilometer Luftlinie weiter südlich. Von den 40.000 Einwohnern sollen 10.000 ums Leben gekommen sein. Genau weiß das niemand. Sicher ist nur, dass der Regionalflughafen von Banda Aceh viel zu klein ist, um eine annähernd ausreichende Versorgung der Flutopfer zu gewährleisten. Eigentlich müssten hier im Minutentakt Flugzeuge und Helikopter landen und starten. Doch es gibt nur eine Landebahn, kein Radar, irgendwo auf dem Gelände steht ein Kontrollturm, der außer Betrieb ist, immer wieder kommt es zu Stromausfällen.

20.04 Uhr: Eine Hercules der singapurischen Air Force landet. Vom Aufsetzen bis zur Parkposition braucht sie 20 Minuten. An Bord hat sie Ausrüstung für einen neuen Tower. Bisher werden alle Flugbewegungen vom 700 Kilometer entfernten Flughafen Medan geleitet. Deshalb können nur alle 15 Minuten Maschinen in Banda Aceh landen. Wenn der Hilfstower aufgebaut ist, soll es schneller gehen.

20.49 Uhr: Die nächste Hilfsmaschine landet und wird rasch entladen. Allein die Mitarbeiter des US Food Programme werfen täglich zwischen 15 und 20 Tonnen Nahrung über der Westküste ab, versuchen 130.000 Menschen mit Energiekeksen und Nudeln zu versorgen. Schon in ein paar Tagen wollen sie die Menge verdoppeln.

21.08 Uhr: Ankunft einer Passagier-Boeing-737 der Mandala Airlines. Wer als Zivilist an die Nordspitze Sumatras will, braucht Glück, um einen Platz zu bekommen. Mitunter haben die Flugzeuge einen Tag Verspätung.

21.13 Uhr: Eine zweite Transall der Luftwaffe Singapurs landet. Die Streitkräfte des wohlhabenden Stadtstaats jenseits der Straße von Malakka bewältigen einen Gutteil der Transportflüge in die Krisenregion.

21.35 Uhr: Eine US-Transportmaschine hebt ab. Hätten die Amerikaner nicht den Flugzeugträger USS Abraham Lincoln vor der Küste von Aceh vor Anker gehen lassen, wer weiß, wie viel mehr Menschen im Süden verhungert wären.

Von der USS Abraham Lincoln aus starten jeden Morgen neun Seahawk- Hubschrauber, um auf einem Fußballfeld in der Nähe des Flughafens von Banda Aceh Pakete mit Nahrungsmitteln von bereitstehenden Lastwagen an Bord zu nehmen. Die Helikopter starten und landen fast ohne Pause, sobald einer aufsetzt, bilden Soldaten eine Menschenschlange zur Ladetür, packen den Bauch der Maschine voll mit USAid-Kisten und lassen sie wieder aufsteigen. Weitere Hubschrauber der Marines kommen von anderen US-Schiffen, die ebenfalls vor der Küste ankern. Ein Presseattaché gibt bekannt, heute habe die Navy 53 Flüge absolviert und dabei mehr als 41 Tonnen Hilfsgüter abgeworfen. Ab und zu dürfen auch Journalisten an Bord. Einige wenige dürfen sogar den Flugzeugträger besichtigen. Natürlich, die Hilfsaktion ist auch eine Imagekampagne. Alle Welt soll sehen: Amerika kann nicht nur Krieg führen.

Aber agiert die Supermacht dabei vielleicht schon wieder etwas zu sehr als Supermacht? Während ein Navy-Offizier eigens Boardinglisten für Pressevertreter führt, gibt es humanitäre Helfer, die ungeduldig darauf warten, einmal mitzufliegen, um sich aus der Luft ein Bild der Lage machen zu können. Seit Tagen hofft Carsten Völz, der Nothilfekoordinator von Care in Banda Aceh, endlich an Bord eines US-Helikopters zu kommen, um entscheiden zu können, wohin er seine Teams schicken soll. Geklappt hat das noch nicht. Allenfalls "anekdotenhafte Impressionen" habe er bislang über die Lage an der Westküste bekommen. Erst am vergangenen Wochenende, so Völz, habe sich die US-Armee bereit erklärt, ihren Piloten Checklisten mit Fragen mitzugeben, über das, was sie am Boden sehen. Ein Mitarbeiter einer europäischen Hilfsorganisation, der nicht genannt werden will, bezweifelt zudem, ob das Paketbombardement der Amerikaner die wirksamste Form der Katastrophenbewältigung sei: "Das Primat ist nicht, möglichst viele Kisten irgendwohin zu werfen. Man muss runter zu den Leuten."